Belgisches Gefangenendilemma

(c) EPA (OLIVIER HOSLET)
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Nach Brüssels Verkehrsbetrieben streiken die Gefängniswärter und darum demnächst die Polizei.

Vor einiger Zeit habe ich an dieser Stelle behauptet, das Warten sei Belgiens Volkssport Nummer eins. Diesen Eindruck gewinnt man zwar, wenn man belgischen Supermarkt-Kassierinnen beim „Arbeiten“ zusieht oder im Winter fröstelnd auf den Installateur wartet, der sein Kommen mit „demnächst“ angekündigt hat. Die wahre Leidenschaft der Belgier ist jedoch das Streiken. Eine Woche lang streikten neulich die Brüsseler Verkehrsbetriebe, nachdem ein Businspektor von einem betrunkenen Autofahrer erschlagen worden war. Das taten sie bereits im Februar 2011. Damals war es in der U-Bahn zu einer Prügelei zwischen einem Fahrer und einem Fahrgast gekommen. Dumm nur, dass sich hinterher erwies, dass der U-Bahn-Chauffeur als Erster zugeschlagen hatte.

Nachdem Brüssels Busse, Trams und U-Bahnen nun wieder das tun, was sie stets tun, nämlich zu spät oder gar nicht kommen, verlagert sich der Arbeitskampf auf die Gefängnisse. Deren Wärter streiken. Der Grund: mangelnde Sicherheit. Alle paar Wochen liest man von Geiselnahmen offenbar mit ihrem Beruf schwer überforderter Kerkermeister. Der Höhepunkt war eine Befreiungsaktion per Hubschrauber. Justizministerin Annemie Turtelboom hat jetzt angekündigt, 800.000 Euro in Metalldetektoren zu investieren.

Und schon ist der nächste Streik in Aussicht. Die Polizeigewerkschaft erklärte am Dienstag, einen Streik auszurufen, wenn Polizisten wieder einmal in die Gefängnisse einrücken müssen, um die streikenden Wärter zu ersetzen. Warum die Müllabfuhr noch nicht streikt, ist rätselhaft: All die Rossknödel, die allein jene beiden Polizeipferde hinterlassen, die täglich an unserer Wohnung vorbeipatrouillieren, würden mindestens vier Tage Arbeitskampf rechtfertigen. Mindestens.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2012)

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