Energie: Windflaute bei Siemens

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Der starke Fokus auf erneuerbare Energien bringt Siemens zunehmend in Bedrängnis. Nun wackelt die Gewinnprognose, der erwartete Jahresgewinn von sechs Milliarden Euro dürfte kaum noch zu halten sein.

Wien/Auer. Seit dem vergangenen Herbst ticken die Uhren bei Siemens anders: Raus aus der Kernkraft, rein in die Alternativenergie, lautete das Credo, das Konzernboss Peter Löscher damals ausgegeben hatte. Investoren warten seitdem jedoch noch auf erste Hinweise darauf, dass sich die konzerneigene Energiewende auch für sie auszahlen wird.

Denn obwohl Siemens mit seinem Umweltportfolio im Vorjahr fast 30 Mrd. Euro Umsatz erwirtschaftet hat, fuhr der Konzern im Geschäft mit Solar- und Windanlagen zuletzt Verluste ein. Ähnlich lief es im Stromnetzgeschäft. Das deutsche Schwergewicht ist im Geschäft mit Windkraftanlagen auf hoher See zwar Marktführer. Doch an der Anbindung der Windparks an das Festland hapert es wegen einer Knappheit bei Tiefseeleitungen noch gewaltig.

200 Mio. Euro an Rückstellungen

Schon im ersten Quartal des Geschäftsjahres musste Siemens wegen dieser Verzögerungen 203 Millionen Euro zurückstellen. Eine ähnliche Nachricht dürfte den Aktionären auch kommende Woche blühen, wenn der Konzern sein Quartalsergebnis präsentiert, schätzt JP Morgan. Die Analysten rechnen mit einer neuerlichen Rückstellung in der Höhe von rund 200 Millionen. Damit wackelt nicht nur der Sessel von Udo Niehage, dem Chef der Stromübertragungssparte, wie die „Financial Times Deutschland“ schreibt. Auch der erwartete Jahresgewinn von sechs Milliarden Euro dürfte kaum noch zu halten sein.

Siemens hat im Windgeschäft aber auch ein grundlegenderes Problem, das das Unternehmen mit der gesamten Branche teilt. Die Windindustrie sei „nicht immer profitabel“, sagte Felix Ferleman, der Chef von Siemens Wind Power, bei einem Branchentreffen in Kopenhagen. Der Grund: Es gibt zu viele Anbieter und zu wenig Nachfrage. Staaten haben angesichts ihrer klammen Finanzsituation kein Geld zu investieren. Private Geldgeber zögern noch, große Offshore-Windparks zu finanzieren.

Die Folge sind Überkapazitäten und Preisverfall bei Turbinen. Seit 2009 sind die Preise für Windkraftanlagen um ein Viertel gefallen. Gleichzeitig gibt es auf Seiten der Hersteller Überkapazitäten von 25 bis 40 Prozent, zitiert die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ aus einer Studie der Beratungsgesellschaft Oliver Wyman.

Ein Fünftel des Wertes eingebüßt

Siemens selbst gibt sich zurückhaltend. Die mögliche Ablöse von Udo Niehage wird nicht kommentiert. Auch bei der Frage, ob die Prognose des Jahresgewinns revidiert werde, blieb der Konzern kryptisch: So hatte Finanzchef Joe Kaeser jüngst betont, dass Analysten – anders als der Konzern – von einem Jahresgewinn von etwa 5,2 Milliarden Euro ausgehen. „Aber solange es keine neue Prognose von uns gibt, gilt die alte.“ Dieser Satz war fast wörtlich der Gewinnwarnung 2010 vorausgegangen.

Die Aktionäre deuten diese Sätze auf ihre Weise. Am Dienstag legten die Papiere an der Frankfurter Börse zwar leicht auf 72,94 Euro zu. In den vergangenen zwölf Monaten hat das Unternehmen allerdings ein gutes Fünftel seines Börsenwertes eingebüßt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2012)

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