Drohender Verlust wird durch Aufwertung des Lotterien-Anteils vermieden.
Wien. Im Oktober 2005 setzte die Gewerkschaftsbank Bawag im Zuge der Pleite des US-Wertpapierhändlers Refco einen stattlichen Betrag in den Sand. Nach aktuellem Stand drohen der Bank Ausfälle in Höhe von mindestens 300 Mill. Euro. Diese Summe übersteigt den Jahresgewinn des Instituts aus dem Vorjahr beinahe um das Doppelte. Ungeachtet dessen wird die Bawag für 2005 keinen Verlust ausweisen. Darauf hat sich der neue Bawag-Chef Ewald Nowotny bereits festgelegt.
Um das Refco-Debakel bilanziell zu kaschieren, greift die Bawag zu einem kleinen Bilanztrick. Sie wird ihren knapp 34-Prozent-Anteil an den Österreichischen Lotterien kräftig aufwerten, um mit dem dadurch anfallenden Buchgewinn und einigen anderen außerordentlichen Erträgen das Refco-Loch zu stopfen. Die Österreichischen Lotterien sind insgesamt etwa 500 Mill. Euro wert.
Die Vorarbeiten zur Bilanzkosmetik sind bereits erledigt. Am 25. Oktober, wenige Tage nach dem Auffliegen der Refco-Affäre, gründeten die Casinos Austria und die Bawag eine neue Gesellschaft, in der sie ihre Lotterien-Anteile einbrachten. Dass diese Transaktion auch steuerliche Vorteile für die Casinos hatte, war ein angenehmer Nebeneffekt. Hauptgrund war, der Bawag das Heben der dringend benötigten "stillen Reserven" (Differenz zwischen Buch- und Marktwert) zu ermöglichen.
Das Bilanzkunststück der Bawag ist kein Einzelfall. Ob Konsum-Debakel oder Russland-Krise, keine der betroffenen heimischen Großbanken wies jemals in ihrer Bilanz einen Verlust aus. Stille Reserven sind dazu da, um in Notzeiten gehoben zu werden, argumentieren die Bank-Chefs. Außerdem fürchten sie offenbar den Vertrauensverlust bei Sparer und Anlegern. Bei der Bawag kommt noch hinzu, dass der ÖGB auf eine Dividende "seiner" Bank einfach nicht verzichten kann, auch wenn sie nicht aus dem operativen Geschäft, sondern aus den stillen Reserven kommt. Auf eine Sonderdividende in Höhe des 2005 ausgeschütteten Betrages (71 Mill. Euro) darf der mit Finanznöten kämpfende Bawag-Alleineigentümer ÖGB heuer aber nicht rechnen.
In der Vergangenheit gab es in Österreich immer wieder Fälle von Bilanzkosmetik. So wertete die GiroCredit einst ihre Tochtergesellschaft Bausparkasse um satte drei Mrd. Schilling auf, als sie ein massives Ertragsproblem zu lösen hatte. Die Erste Österreichische wertete vor Jahren ihr Aktienpaket an der GiroCredit auf. Die verstaatlichten Großbanken Creditanstalt und Länderbank werteten immer dann Teile ihrer Industriebeteiligungen auf, wenn sie Verluste aus anderen Bereichen - wie dem Kreditgeschäft - zu verkraften hatten. Sehr oft wurden Bankzentralen - alte, meist abgeschriebene Gebäude in bester Innenstadtlage - in eigene Gesellschaften ausgegliedert, um mit dem Buchgewinn die Bilanzen zu schönen.
Ein spektakuläres Beispiel lieferte in den 70er-Jahren die Schweizerische Kreditanstalt. Ein Skandal in der Filiale Chiasso bescherte ihr einen Verlust von 250 Mill. Franken - damals auch für eine Schweizer Großbank eine Riesensumme. Die Bank löste Reserven auf und bilanzierte positiv.