Dokumentarfilm. In seinem ersten Filmprojekt beschäftigt sich Robert Menasse mit Europas Grenzen – mit einer Geschichte aus Verschiebungen, Auflösungen und ihrer umstrittenen aktuellen politischen Relevanz.
An die Grenze zu gehen ist ein Abenteuer, Grenzen zu überwinden eine Herausforderung, manchmal buchstäblich eine notwendige.“ Es sind nicht bloß die Vielschichtigkeiten des Begriffs „Grenze“, mit denen sich der von Robert Menasse gestaltete Dokumentarfilm „Grenzfälle“ beschäftigt. Vielmehr geht es um eines der aktuellsten europapolitischem Themen: Den Sinn und Unsinn nationaler Grenzen. Der von Langbein & Partner produzierte Film, der am 29. April beim „Crossing Europe“-Festival in Linz vorgestellt wird, ist für Menschen mit Sicherheitsdenken, mit Wunsch nach nationaler Abgrenzung eine wohldosierte Provokation – nicht laut, nicht schreiend, aber enervierend konsequent. Denn er begleitet die absurde Geschichte europäischer Grenzen, ihre gewaltsamen Verschiebungen, Auflösungen und ihre umstrittene aktuelle Relevanz als Schutz vor der vermeintlichen Andersartigkeit.
„Ich habe bei der Arbeit an diesem Film erkannt, dass Grenzen letztlich etwas Unnatürliches sind“, sagt Menasse. „Politische Grenzen folgen nicht kulturellen Grenzen, sondern umgekehrt.“ Die kulturelle Nation definiere sich erst durch die Grenzziehung. Nirgendwo sei das offenkundiger geworden als bei der deutschen Wiedervereinigung. Sie fiel den Ostdeutschen und Westdeutschen so unheimlich schwer, sie ist heute noch nicht überwunden, obwohl es angeblich um die Zusammenführung einer einzigen Nation ging.
Ein Zaun wechselt die Seite
Es ist Menasses erster bildlicher Essay, der an der tschechisch-österreichischen Grenze im Waldviertel beginnt, dort, wo der Schriftsteller einen Großteil seiner Kindheit verbrachte und wohin er sich heute noch gerne zurückzieht. Hier seine Erzählung aus dem Jahr 1968, von einem Ausflug mit der Großmutter an die streng bewachte Grenze zur Zeit des niedergeschlagenen Prager Frühlings; dort eine Straße bei Gmünd, an der ein Zaun mittlerweile die Seite gewechselt hat. Ehemals stand er auf der einen Seite als Symbol der Unfreiheit, heute steht er auf der anderen als Symbol des Eigentums eines österreichischen Grundbesitzers. „Das Privateigentum zieht die Grenzen der freien Welt“ (Zitat aus dem Film).
„Grenzfälle“ begleitet zu den Grenzen Österreichs und der Europäischen Union. Mit Reinhold Messner besucht Menasse die alpinen Schützengräben der Dolomiten, wo 14.000 Menschen im Kampf um die erfolglose Verschiebung einer Grenze ums Leben kamen. Hier führten 1915 bis 1918 österreichische und italienische Soldaten bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit einen sinnlosen Stellungskrieg. „Nationale Grenzen zu verteidigen heißt in Dreck und Scheiße zu liegen.“
Dass Grenzen zum Familienschicksal werden, illustriert ein Besuch an der slowenisch-österreichischen Grenze, wo zwei Brüder wenige Meter voneinander entfernt den gleichen Wein anbauen, über Jahrzehnte aber kaum Kontakt hatten. Sie trennte ein bewachter Grenzstreifen. Oder bei Innervillgraten in Osttirol auf den Spuren einer Schmugglerroute nach Südtirol, wo ein heute pensionierter Grenzpolizist sieben Jahre lang ein wenig wegsah, um die Lebensgrundlage einer ärmlichen Familien nicht zu zerstören. Billiges Mehl hinüber, billigen Zucker herüber.
Und wieder eine Erkenntnis: Die Grenzen, die der Menschheit angeblich so wichtig sind, lösen die Frage der Ehrlichkeit auf, weil ihre Ausformung auf einem Wertmaßstab beruht, der ausschließlich Macht- und Interessenlagen befriedigt. So werden Grenzen zum zweifelhaften Geschäft – mit Alkohol in einem scheußlichen Einkaufszentrum im Niemandsland zwischen Tschechien und Österreich, mit gestohlenen Autos an der polnisch-weißrussischen Grenze oder für Schlepper am griechisch-türkischen Übergang.
Neue Grenzen errichten?
Heute werden die Außengrenzen der Europäischen Union fast so bewacht wie einst der Eiserne Vorhang. Sie sind Wohlstandsgrenzen geworden.
Eine weitere Erkenntnis: Gerade sie, die Europa vom Rest der Welt trennen, bestärken die Ängste vor dem Teilen des Wohlstands. In diesem Neidkomplex des reichen Kontinents wird das Neuerrichten von Grenzen sogar zum Wahlkampfthema. Etwa in Frankreich, wo der um seine Wiederbestellung bangende Staatspräsident, Nicolas Sarkozy, heute die Schließung der eben erste geöffneten Schengen-Grenze in Aussicht stellt.
Menasse geht am Ende des Films durch die ehemalige Zollwachstelle bei Gmünd – „heute angstfrei“ – und kann die Menschen nicht verstehen, „die innereuropäische Grenzen zurückhaben wollen“. Ein filmischer Rundgang ist es geworden, der auf sensible Weise die neuen Mauerbauer als falsche Propheten eines nationalen Glücks entlarvt, das in Wahrheit nie erfüllbar ist.