Um was es bei der Emanzipation der Frau wirklich geht

Der wirkliche (Gender-)Wahnsinn ist, dass viele Männer ihre Verantwortung und ihre Aufgaben nicht und nicht wahrnehmen wollen.

Karl Weidingers Gastkommentar „Geschlechterdebatte: Wie schlecht ist doch die Männerwelt!“ vom 16. 4. ist ein weiterer Versuch der Umkehrung einer vermeintlichen Täter-Opfer-These. Frauen, die Gerechtigkeit fordern, werden zu „Opfern“ gemacht. Männer bekommen eine Krise, weil die andere Hälfte Österreichs auf den Arbeitsmarkt drängt und nach wie vor das unterbezahlte Jobvakuum füllt.

Da wird mit Zahlen und Fakten argumentiert – man könnte meinen: typisch männlich. Aber ich kenne genug Frauen, die auch mit Zahlen und Fakten argumentieren. Und die sprechen durchaus nicht immer dieselbe Sprache. Wurden bei den statistischen Arbeitsstundenberechnungen die unbezahlte Hausarbeit, die Gratisbetreuungs- und Erziehungsstunden berechnet? Die Betreuung pflegebedürftiger Menschen aus der Familie – ebenfalls unbezahlt?

Ein genauer Blick auf den „Genderwahnsinn“ offenbart, was tatsächlich passiert. Ja, es ist ein Wahnsinn, dass viele Männer ihre Verantwortung und ihre Aufgaben nicht und nicht wahrnehmen wollen: in der Hausarbeit, in der Familie. Stattdessen prügeln selbst ernannte Anwälte der Männer immer wieder auf erkämpfte Rechte und notwendige politische Rahmenbedingungen zur „Gleichstellung“ der Frau.

 

Nicht nur Frauen profitieren

Ich bin auch ein Mann und kenne viele Männer, die so eine Vereinnahmung nicht wollen. Manche schweigen aus Angst, gesellschaftlich nicht mehr partizipieren zu können, weil sie die männliche Hegemonie kritisieren und dadurch keine Aussicht auf patriarchale Dividenden mehr besteht. Die anderen sagen sehr wohl ihre Meinung, poltern aber nicht so herum.

Überlegen wir Männer doch einmal: Gleichberechtigung ist ein Fortschritt, von dem nicht nur Frauen profitieren. Die Emanzipationsbewegung hat nämlich die ganze Schräglage von Machtverhältnissen verrückbar gemacht.

Gleichstellungsbeauftragte sind für alle da, die sich diskriminiert fühlen. Quoten sind eine Zwischenlösung für ein gesellschaftliches Verständnis von Gleichberechtigung. Vier Prozent weniger wirtschaftlicher Gewinn können zugleich 50 Prozent mehr Zufriedenheit bedeuten, weil alle Angestellten sich in den oberen Positionen vertreten fühlen.

 

Patriarchatsverlierer

Stimmt schon, Frauen und Männer sind von Natur aus ungleich. Das sind aber Frauen und Frauen untereinander sowie Männer und Männer untereinander auch. Argumentiert das eine Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft?

Männer sind nicht Bildungsverlierer. Jugendliche aus sozial schwachen Schichten werden benachteiligt. Sehen wir diesen Tatsachen ins Auge.

Männer sind Patriarchatsverlierer. Jene nämlich, die sehr wohl zu Hause bleiben und sich um das Kind und den Haushalt kümmern wollen, damit ihre Partnerinnen nicht Gefahr laufen, ebenfalls den Job zu verlieren. Jene, die den gesetzlich vorgeschriebenen Pflegeurlaub in Anspruch nehmen wollen, um der Partnerin die Möglichkeit zu geben, sich von der Pflege zu erholen. Jene, die eine gelebte Balance von Familie und Beruf praktizieren.

Ich bin gern ein Gesinnungshilfe des Feminismus. Nicht, weil ich denke, dass Frauen die besseren Menschen sind. Sondern weil die Emanzipation der Frau ein Schritt zu einer vielleicht gerechteren Ressourcenverteilung ist. „Gender“ bezieht sich eben auf alle Geschlechter und nicht nur auf Frauen.

Philipp Leeb (*1972) lebt in Wien und unterrichtete einige Jahre als Sonder- und Sprachheillehrer. Er ist Obmann im Verein Poika und macht seit 2000 gendersensible Bubenarbeit.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2012)