Der letzte Civic war mutig, aber nicht rundum gelungen. Honda hat beim Neuen an den wichtigen Stellen nachgebessert. Herausgekommen ist das unangestrengt sportlichste Auto seiner Klasse.
Die Baureihe ist jetzt auch schon vierzig Jahre auf der Welt, damit zwei Jahre länger als der Golf, der die Kompaktklasse anführt. Tiefpunkt der Civic-Vita ist wohl die siebte Generation (von 2001 weg), bei der Honda eine Art Stealth-Design passiert ist: Man konnte direkt davor stehen und ihn trotzdem übersehen.
Nach kurzen fünf Jahren wurde dieses Manifest der Beliebigkeit von einem Funken schlagenden Nachfolger weggefegt: Beim achten Civic war interstellare Raumfahrt das Thema. Selten wurde die Courage einer Studie so verlustfrei in die Serienproduktion übertragen. Nicht ohne Makel: Das Cockpit war in unserer Erinnerung gar abenteuerlich geraten. Die Brücke der „Enterprise“ ist jedenfalls einfacher zu überblicken. Was noch auffiel: Die Benzinmotoren waren müde Gesellen. Als gewissermaßen Entschuldigung wurde der Type-R geboten, Hondas GTI, der das Händchen des Herstellers für drehfreudige Motoren untermauerte: Dank variabler Ventilsteuerung schnitt man am Drehzahlband bis in die Achttausend und erntete über 200 PS.
Von der Kunstfertigkeit profitiert nun auch der 1,8-Liter-Benziner mit 143 PS, die empfehlenswerte Motorisierung des neuen Civic. Wem der gewohnte Drehmoment-Rumpler heutiger Turbodiesel nicht die Sinne getrübt hat, wird sich für die Virtuosität der Maschine begeistern. Munteres Anfahren, solider Druck für schaltfaules Mitschwimmen im Verkehr, jauchzendes Hochdrehen, wenn es einen gelüstet: bis ins Rote bei 7000 Umdrehungen, ohne dass es laut würde oder gequält klänge. Kurz: genau jene nutzbare Sportlichkeit, die dem ganzen Auto eigen ist. Der Civic liegt gut, ohne mit harter Abstimmung zu poltern, und er springt förmlich in Kurven, ohne dass man mit einer nervösen Lenkung zu kämpfen hätte.
Selten finden wir ein manuelles Getriebe vor, das wir im Alltagsverkehr nicht gern gegen eine Automatik tauschen würden. Im Civic kann man sich den Aufpreis sparen: Man kuppelt und schaltet so, dass man es entweder gar nicht erst merkt, und wenn doch, dann freut man sich, wie schnell und knackig sich Gänge nachschießen lassen. An der vermeintlich einfachen Übung zeigt sich, dass bei dem Hersteller wieder etwas von der Gesinnung des alten Sōichirō herrscht: Dem listigen Ingenieur und Gründer von Honda hätte man mit einem faden Getriebe jederzeit den Tag versaut.
Das Cockpit, beim letzten Civic gut gemeint, aber leider doch verfehlt, ist nun in Ordnung gebracht. Zentrales Rundinstrument ist der Drehzahlmesser, den man sich bei vielen Autos ja schenken kann, nicht aber hier. Die digitale Tempoanzeige ist so weit vorgelagert, dass sie genauso im Blickfeld liegt wie aufwendige Head-up-Displays. Flankierende Streifen in changierenden Farben verraten subtil, wie umsichtig (oder eben nicht) man am Gaspedal verfährt. Es reicht vom grimmigen Dunkelblau bis ins versöhnliche Hellgrün. So in der Mitte unser Verbrauchswert: 7,6 Liter im Schnitt.
Wo es im Accord, eine Klasse drüber, noch knirscht, lässt sich der Civic nichts nachsagen: Die Bedienung von BlueTooth-Telefonie, Navi und Hi-Fi ist frei von Ärgernissen – schnell, klar, clever. Dies setzt freilich die höchste Ausstattungsstufe voraus, die den Preis auf 28.800 Euro treibt. Den Einstieg in die 143-PS-Klasse findet man bei 19.990 Euro.
Wobei der gestreckte Galopp an Extras schon Freude macht, erwähnt seien die Ledersitze und die schmückenden 18-Zoll-Räder. Immer noch unpraktisch zum Durchschauen: die Heckklappe mit zweigeteilter Scheibe. Großer Kofferraum, aber kein Raumwunder auf den Rücksitzen. Immerhin: Sie lassen sich umlegen, aber auch anheben und in die Höhe klappen.
Auf einen Blick
Honda Civic 1.8 i-VTEC Executive
Maße: L/B/H: 4300/1770/1470mm. Radstand: 2595 mm. Leergewicht: 1380 kg. Ladevolumen: 467–1342 l.
Motor: Reihenvierzylinder-Otto, 1798 cm, 104 kW (142 PS), 174 Nm. 0–100 in 9,7 sec., Vmax: 215 km/h. Testverbrauch: 7,6 l/100 km.
Preis: 28.800 Euro.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2012)