Mailath-Pokorny: "Hitler hat sich auf Lueger berufen"

(c) Clemens Fabry
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Der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny im Interview mit der "Presse". Er will keine weiteren Straßenflächen umbenennen.

Die Presse: Das Paradigma der Stadt, keine Straßen umzubenennen, ist plötzlich gefallen. Weshalb?

Andreas Mailath-Pokorny: Es ist kein Paradigmenwechsel, nur eine Ausnahme. Auslöser war der Wunsch des Rektors Engl, die Adresse der Uni Wien zu ändern. Lueger war ja Antisemit und auch Intellektuellengegner. Ich habe großes Verständnis, dass die Uni ihr bevorstehendes 650-Jahr-Jubiläum nicht an der Adresse von jemandem feiern will, der die Universität verteufelt hat.

Julius Tandler sprach von der „Vernichtung unwerten Lebens“, Bruno Kreisky bezeichnete die Juden als „mieses Volk“. Warum sind nach wie vor Orte nach ihnen benannt?

Da muss man schon unterscheiden – Hitler hat sich auf Lueger explizit berufen, Kreisky wurde von Hitler vertrieben. Außerdem gibt es nicht 14 Tandler-Gedenkstätten, bei Lueger gibt es exklusive des Rings zumindest zwölf weitere prominente Gedenkorte.

Dennoch hat es eine seltsame Optik, wenn Rot-Grün gerade den Namen eines Christlichsozialen auslöscht.

Es geht nicht darum, unliebsame oder historisch belastete Namen zu löschen. Wir haben alles gelöscht, was direkt mit dem Nationalsozialismus verbunden ist. Aber eine Stadt kann sich nicht von ihrer Geschichte davonschleichen. Manche Straßen sind eben nach Persönlichkeiten benannt, die unterschiedliche Wirkungen hinterlassen haben. Dazu kommt, dass gerade dieser Ring immer wieder Gegenstand von Umbenennungen war. Er wurde erst 1934 im Ständestaat in Lueger-Ring umbenannt.

Die Anrainer werden wohl nicht so begeistert über den Aufwand sein.

Viele Firmen sagen sogar, dass das toll ist. Dr.-Karl-Lueger-Ring ist ein langer Name – und wird außerdem immer wieder mit dem Lueger-Platz verwechselt.

Was kostet das die Stadt Wien?

Vier Straßentafeln, die man aufziehen muss. Darüber hinaus sind die Kosten überschaubar, wir haben einen langen Übergangszeitraum, die Post stellt ein weiteres Jahr an die Adresse zu. Schriftsätze und Briefpapier soll man auslaufen lassen und bei der nächsten Bestellung einfach neu machen. Und die Eintragung neuer Adressen von Firmen ins Handelsregister kostet acht Euro.

Eine Historikerkommission überprüft ja derzeit alle Wiener Straßennamen auf braune Flecken. Schließen Sie weitere Umbenennungen aus?

Grundsätzlich ja, im Einzelfall nein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2012)

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