Shanghai: Das Wirtschaftswunder

Reportage. Lokalaugenschein im Land der gnadenloser Kopierer westlicher Spitzentechnologie.

Shanghai. Gleich nach der Landung in der südostchinesischen Metropole Shanghai bekommt der Reisende ein realitätsgetreues Modell der Funktionsweise der chinesischen Wirtschaft vorgesetzt. Im Magnetschewebezug Transrapid, der ihn mit 430 Stundenkilometern (33 Kilometer Strecke werden in knapp acht Minuten aufgeschnupft) vom Flughafen in die Vorstadt bringt.

Genau so funktioniert es hier: Mit rasender Geschwindigkeit auf Basis ausländischer Technologien in die Zukunft unterwegs. Aber erst ein kleines Stück und nicht ins Zentrum des Geschehens. Und niemand weiß, wie es wirklich weitergeht. Nur eines ist sicher: Wenn die deutschen Transrapid-Erfinder nicht höllisch aufpassen, ist das bald chinesische Hochtechnologie. "Weiterentwicklung" nennt man das im Land der gnadenlosen Kopierer euphemistisch.

Shanghai, das ist das Epizentrum des chinesischen Wirtschaftswunders. Seit 14 Jahren wächst die Wirtschaft hier in ununterbrochener Reihenfolge zweistellig. Zumindest bis 2010, wenn die Stadt ihre Weltausstellung abhält, soll das auch so bleiben.

Zweistelliges BIP-Wachstum heißt in absoluten Zahlen unter anderem folgendes: Im Jahr 2005 erreichte allein der BIP-Zuwachs der Stadt die gesamte Wirtschaftsleistung des Jahres 1995. 6000 Dollar pro Kopf sind es jetzt. Doppelt so viel wie in der umliegenden Industrieprovinz Jiangsu und gut zehn Mal so viel wie im armen Westen der Volksrepublik. 12.000 sollen es 2010 sein.

Das wirkt sich auf die Löhne aus: Die haben sich seit 2000 beinahe verdoppelt. 150 Euro trägt der Durchschnitts-Arbeitnehmer der 25-Millionen-Metropole im Monat nach Hause. Das ist noch nicht viel - aber schon mehr als in den Fast-EU-Mitgliedsländern Rumänien und Bulgaren.

Die Karawane der T-Shirtnäher und Billig-Schuherzeuger ist deshalb längst in die Niedriglohngebiete des chinesischen Westens weitergezogen, die Industrieparks in und um Shanghai klettern rapid die Technologieleiter hoch. 40.000 ausländische Unternehmen produzieren schon hier, darunter zahlreiche Österreicher.

Shanghai ist die Vorzeigestadt des chinesischen Wirtschaftswunders. Als Staatschef Hu Jintao kürzlich seinem US-Kollegen Bush die Aufwartung machte, sei er gefragt worden, wie ihm Manhattan gefalle, erzählt man sich hier. "Sehr schön", soll Hu gesagt haben. "Wie Shanghai".

Das nennt man Understatement. Die Wolkenkratzer-Ansammlung in der chinesischen Wirtschaftsmetropole ist natürlich schon viel größer als jene von New York. Und sie wächst sehr schnell. Unter anderem wächst hier mit dem World Financial Center gerade das höchste Hochhaus der Welt aus dem Boden.

Apropos Baustelle: Shanghai ist die mit Abstand größte der Welt: 17 Prozent aller Baukräne dieses Globus stehen hier. Und sie sind Tag und Nacht in Betrieb. Nicht nur, aber auch wegen der Weltausstellung, mit der sich das Land 2010 präsentieren will.

Und deren Vorbereitungsarbeiten einen Blick darauf werfen lassen, mit welch ungeheurer Brutalität China Hindernisse auf dem Weg in seine wirtschaftliche Zukunft aus dem Weg räumt: Mehr als 80.000 Familien wurden oder werden abgesiedelt, ihre Stadviertel platt gemacht, um für die Weltausstellung das neue Shanghai erstrahlen zu lassen.

Beim Aufbau wird ordentlich geklotzt: Gerade entsteht an der Yangtse-Mündung, noch im Bereich der 6000 Quadratkilometer großen Stadt, der TiefseehafenYang Shan, über den ab 2010 ein Viertel des chinesischen Außenhandels laufen soll. Auf vorgelagerten Inseln, mit einer 33 Kilometer langen Brücke mit dem Festland verbunden. Am Festlandende der Brücke werken 20.000 Arbeiter am Aufbau der Retortenstadt Shanghai-Lingang. Hochhäuser für 800.000 künftige Bewohner wachsen gerade aus dem Marschland. Und die dazugehörigen Industriebetriebe, in denen diese Menschen arbeiten sollen. Zwischen Wohn- und Industriebereichen haben die Hamburger Architekten, die hier geplant haben, Freizeiteinrichtungen platziert. Darunter einen zwölf Quadratkilometer großen künstlichen See.

Lingang ist eine beeindruckende, aber bei weitem nicht die größte Retortenstadt, die im Umfeld von Shanghai unter dem Titel Industriezone gerade aus dem Boden schießt.

Stadtplanung, die Menschen zu hunderttausenden herumschiebt, verursacht Verkehrsprobleme. Und die hat Shanghai schon jetzt nicht zu knapp: Zwar hat erst jeder zehnte Stadtbewohner ein Auto, aber diese mehr als zwei Millionen Pkw verstopfen bereits das Netz achtspuriger Stadtautobahnen, die mitten durchs Stadtgebiet geschlagen wurden, heillos.

Die Stadtverwaltung hat sich dagegen ein originelles Rezept einfallen lassen: Die Zahl der neu ausgegebenen Nummerntafeln wurde auf 60.000 im Jahr begrenzt. Ist die Nachfrage größer, wird versteigert. Der Effekt: Wer Pech hat, legt auf den Autopreis schon einmal 5000 Euro für die Nummerntafel drauf.

Nächsten Samstag: Lokalaugenschein in der Industrieprovinz Jiangsu.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.