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Warum das Rathaus an Aspern hängt

Von Retortenstädten und dem Kampf um die Zukunft der Stadtentwicklung.

 

Stadtentwicklung, das ist ein bisschen wie die Frage nach der Henne und dem Ei: Soll sich die Politik dabei daran orientieren, wo die Menschen von sich aus leben wollen – oder haben die Menschen gefälligst dort zu leben, wo es die Politik verordnet?

In Wien hängt man letzterer Sichtweise an, gilt hier doch von vornherein als ausgemacht, dass das Rathaus am besten weiß, was Bürger wollen: in auf einen Hieb aus dem Boden gestampften Retortensiedlungen zyklopischer Ausmaße zu leben – ob diese jetzt auf den Namen Schöpfwerk, Großfeldsiedlung oder eben „Seestadt“ Aspern hören.

Die Schaffung solcher Retortenstädte am Stadtrand, dem wohnbaulichen Gegenpart zum (ebenso verwerflichen) Einkaufszentrum auf grüner Wiese, steht dabei nicht nur im Gegensatz zur Tradition der Gemeindebauten, die mitten im Stadtleben errichtet wurden – sondern auch zu den Wünschen der Bürger. Denn die zieht es nicht nur in billige Massenburgen – sondern etwa in die Gemeinden jenseits der Landesgrenzen: Purkersdorf, Kor- oder Klosterneuburg können ein Lied davon singen.

Dass massig Geld in Retortenriesenbabys wie Aspern gepumpt wird, während kaum ein Gedanke aufgeht, wie man „natürliche“ Zuzugszonen – faktisch längst Teil der Stadt – intelligent anbindet, ist die eigentliche Tragödie. Da klammert sich eine Politik mit aller Kraft an ihre Deutungshoheit über die Zukunft der Stadt – anstatt möglich zu machen, was sich Bürger wünschen.

 

georg.renner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2012)