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Die Probleme auf dem Acker von Aspern

(c) FABRY Clemens
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Der gigantischen PR-Maschinerie von Aspern stehen ernüchternde Tatsachen gegenüber. Der Start der "Seestadt" verläuft mehr als holprig - viele Wohnbauträger betrachten Aspern skeptisch.

Wien. Es ist eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas – die Seestadt Aspern. Auf 240 Hektar, einer Fläche so groß wie 340 Fußballfelder, entstehen 8500 (großteils geförderte) Wohnungen für 20.000Menschen. Zusätzlich sollen sich Wirtschaftsbetriebe ansiedeln, die 20.000 Arbeitsplätze bieten.

Gleichzeitig läuft eine riesige PR-Maschine für das Prestigeprojekt der Wiener Stadtregierung. Nur: Der Start von Aspern verläuft mehr als holprig – auch wenn vor wenigen Tagen der Startschuss für die ersten Wohnungen gegeben wurde. Die Ansiedelung von Wirtschaftsbetrieben verläuft zäh, viele Wohnbauträger betrachten Aspern skeptisch und wollen sich nicht engagieren.

„Das beobachte ich auch – der Andrang auf Aspern hält sich in engen Grenzen“, erklärt Stadtplaner Reinhard Seiß der „Presse“: „Abgesehen von großen Absichtserklärungen und dem See unterscheidet sich Aspern derzeit kaum von anderen Projekten.“ Zwar werde der Standort an die U2 angebunden, das Stadtentwicklungsgebiet benötige aber eine kritische Masse an Bewohnern, Unternehmern, Händlern, Gastronomen, Kreativen, damit es nicht zu einer künstlichen Satellitenstadt verkomme.

Diese kritische Masse zu erreichen ist für die Stadt nicht leicht. Nicht wenige Wohnbauträger sind an dem Acker von Aspern nicht interessiert. Beispielsweise erklärt Michael Pech, Vorstand des ÖSW (Österreichisches Siedlungswerk), dass sich sein Unternehmen vorerst nicht in Aspern engagieren werde. Die Kostenvorgaben bei den Bauträgerwettbewerben seien auf einem Level, das nur sehr schwer zu erreichen sei. Pech: „Bauträger sind unsicher, ob sie diese Vorgaben um diesen Preis schaffen.“ Deshalb sitzt Pech nur in der Jury für den Wettbewerb und baut nicht in Aspern. Denn ein geplantes Aspern-Projekt, das mit einem Schweizer Architekten entwickelt wurde, erwies sich für Pech zu diesen Bedingungen als unrealistisch. Für ihn steht fest: Um die Kostengrenze zu erfüllen, müssen bei den Wohnungen deutliche Abstriche gemacht werden; beispielsweise kleinere Wohnungen und weniger Gemeinschaftsflächen: „Die Leistbarkeit steht in Aspern im Vordergrund, man muss deshalb von dem hohen Qualitätsstandard runtergehen.“ Jedenfalls werde es lange Jahre dauern, bis das Aspern-Konzept mit Wohnen und Arbeiten funktioniere – wenn es dort überhaupt funktioniere.

Auch für die Buwog gibt es deutlich attraktivere Gebiete als Aspern: „Nein, wir werden dort nicht an einem Bauträgerwettbewerb teilnehmen“, erklärt Thomas Brey, Sprecher des Unternehmens. Grundsätzlich würde die Buwog bei weniger als 50 Prozent der Bauträgerwettbewerbe teilnehmen. Das von der Stadtregierung als großes Zukunftsprojekt gehypte Aspern ist jedenfalls nicht dabei. Ein weiterer Bauträger formuliert seine „persönliche Meinung“ radikal: „Nachdem sich die Technische Universität und auch die Wirtschaftsuniversität geweigert haben, nach Aspern zu ziehen, ist dieses ursprünglich geplante große Konzept tot.“

Dass es Startprobleme in Aspern gibt, wird von Wohnbaustadtrat Michael Ludwig zurückgewiesen: „Bei der Wohnbauinitiative, die nun startet, war der Andrang so groß, dass wir sogar Bauträger abweisen mussten.“ Ein entscheidender Faktor für Aspern ist auch die Ansiedlung von Wirtschaftsbetrieben, aber auch diese verläuft derzeit schleppend, wie Rainer Holzer (Vorstand der Wien 3420 Aspern Development AG) eingesteht: „Das hat aber nichts mit Aspern zu tun. Momentan ist es durch die Wirtschaftslage bei Betriebsansiedlungen flau.“ Sobald die Konjunktur voll anspringe, würden sich auch genügend Betriebe in Aspern ansiedeln.

Ob sich Aspern überhaupt zu einem urbanen Zentrum entwickeln kann, ist ebenfalls offen. Die Seestadt werde es sehr schwer haben, sich als lokales Zentrum zu etablieren, diagnostizierten Verkehrsforscher der Technischen Universität (TU) Wien vor Kurzem – nachdem sie die Struktur der Straßen analysiert hatten. Zentrale Orte wie die Seepromenade oder Straßenzüge, die in dem neuen Stadtteil als wichtige Achsen geplant wurden, können aufgrund ihrer Lage innerhalb des Areals nur schwer diesen Status erlangen, so das Fazit der Forscher. Seitens der Stadt wird die Methode der Forscher hinterfragt, da Aspern laufend weiterentwickelt werde.

 

Kritik von Wissenschaftlern

Nach dem holprigen Start bleibt die Frage nach der Zukunft von Aspern. Immerhin wird das gesamte Gebiet bis zum Jahr 2030 schrittweise entwickelt – womit sich noch einiges ändern kann.

„Ich kann weder die Euphorie der PR-Kampagnen noch die Horrorszenarien vieler Skeptiker teilen“, meint Stadtplanungsexperte Seiß. Man müsse abwarten, was die Stadt Wien dazu beitrage, damit sich ihre eigenen Versprechungen für Aspern erfüllten.

Derzeit wird seitens der Stadt in Aspern aber unbeirrbar weitergebaut. Das Technologiezentrum, das derzeit allein auf dem Acker steht, wird im September eröffnet. Der Bau der Straßen und der technischen Infrastruktur (Kanal, Wasser, Vorbereitung für Wohnungen etc.) schreitet voran. Im Juni soll der erste Bauträgerwettbewerb (800 Wohnungen, 300 Studentenheimplätze) präsentiert werden. Dazu sollen sich laut Holzer auch zwei große Unternehmen in Aspern ansiedeln. Ob das reicht, bleibt offen. Denn wie ein Wohnbauträger meint: „Ob Aspern funktioniert, wird man erst in einigen Jahren sehen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2012)