Wort der Woche

Im Lauf des Alterns und als Folge bestimmter Krankheiten nimmt das Gehirnvolumendeutlich ab. Die genauen Zusammenhänge sind aber sehr verwickelt.

Es soll immer noch Menschen geben, die meinen, dass man das Denken besser den Pferden überlassen sollte, da diese einen größeren Kopf haben. Wenn damit gemeint ist, dass sie ein größeres Gehirn haben und daher besser denken können, dann ist das falsch. Erstens hat ein durchschnittliches Pferdehirn 590 Gramm, wohingegen ein menschliches im Schnitt 1450 Gramm hat. Und zweitens hängt die Größe des Gehirns praktisch nicht mit den kognitiven Fähigkeiten zusammen – weder beim Vergleich zwischen verschiedenen Spezies noch beim Vergleich zwischen verschiedenen Menschen.

In der Geschichte wurde aber dennoch fleißig verglichen. Der Wiener Arzt Franz Joseph Gall postulierte in seiner Lehre der „Phrenologie“, dass man vom Schädelvolumen auf die Denkleistungen schließen könne. Diese – falsche – Idee, die in der Folge viele Forscher beflügelte, hatte fatale Konsequenzen, sie kostete unzähligen Menschen das Leben: Die Nationalsozialisten wollten durch derartige Messungen („Kraniometrie“) die Überlegenheit der „arischen Rasse“ beweisen.

Allerdings gibt es schon einen Zusammenhang zwischen Hirnvolumen und kognitiven Fähigkeiten – aber nicht im Vergleich zwischen Menschen, sondern im Verlauf des Lebens von Individuen: Mit zunehmendem Alter und als Folge mancher Krankheiten nimmt das Gehirnvolumen ab. Für die Diagnose von Alzheimer z. B. ist das Gehirnvolumen ein wichtiger „Marker“. Die Zusammenhänge sind aber verwickelt, denn laut Studien spielen viele Faktoren eine Rolle. So senkt etwa das Trinken von Alkohol oder ein starker Mangel an Omega-3-Fettsäuren das Hirnvolumen. Bei Kindern, die sich intensiv mit Denkspielen am Computer beschäftigen, steigt es hingegen an.

Und auch die Gene haben einen Einfluss, wie zwei diese Woche in „Nature Genetics“ veröffentlichte Studien zeigen, an denen Forscher der Medizin-Uni Graz beteiligt waren. Durch eine „genomweite Assoziationsstudie“ wurden Magnetresonanzbilder von 8000 älteren Menschen mit Genanalysen verglichen. Dabei fand man, dass eine bestimmte Genveränderung (17q21-Inversion) mit dem Schädelvolumen in Zusammenhang steht.

Auch das Volumen mancher Hirnteile hängt von der Genetik ab: Die Größe des Hippocampus – einer Gehirnstruktur, die für das Gedächtnis wichtig ist – wird anhand von Daten von mehr als 9000 Patienten von der Aktivität von vier Genen beeinflusst. Was dabei genau geschieht, weiß man noch nicht. Die Ergebnisse eröffnen aber einen Weg, um die alters- und krankheitsbedingte Verkleinerung besser zu verstehen.

martin.kugler@diepresse.com

DiePresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2012)

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