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Robinson demoliert das Burgtheater

Robinson demoliert Burgtheater
(c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)
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Joachim Meyerhoff hält virtuos das Treibholz einer fantasievollen, aber nicht immer schlüssigen Inszenierung Jan Bosses zusammen: Daniel Defoes Inselmensch tobt sich in einer Theaterfarce aus.

Jan Bosse, der Wedekinds „Lulu“ verfehlte – Birgit Minichmayr stieg aus –, kühlt sein Mütchen am Theater, am Burgtheater. Auf diesen Nenner könnte man seine Version von „Robinson Crusoe“ bringen, die Freitag im Haus am Ring Premiere hatte. Aber so einfach ist es nicht. Nach „Moby Dick“, den der Schauspieler Philipp Hauß erkundete, wird mit „Robinson“ ein weiterer Bubentraum, Menschentraum, erforscht. Gleichzeitig untersucht die Burg alternative Darstellungsformen, die aus dem Guckkasten herausführen, weit in die multimediale Performance im Raum, demnächst bei Matthias Hartmanns „Trojanischem Pferd“ im Kasino zu erleben. Das ist ein Risiko, da kann man nicht erwarten, dass immer alles klaglos klappt und logisch ist. Wer so wunderbare Schauspieler hat wie die Burg, darf sich auch einmal ein Wagnis gönnen.


Zuschauer sitzen im Bühnenraum. „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe steht an der Wiege des Kolonialismus. Eine Abrechnung mit diesem war avisiert, davon aber ist nicht viel übrig geblieben. Stattdessen wird eine Art „Endspiel“ im Beckett'schen Sinne vorgeführt. Wie sich die Tatsache auf die Kasse auswirken wird, dass sämtliche Logen leer bleiben, auch das Parkett, die Zuschauer sitzen auf einer Tribüne, die sich in Richtung Bühne hinaufzieht, bleibt abzuwarten. Die Perspektive ist jedenfalls ungewohnt und spannend. Zu Beginn sitzen Joachim Meyerhoff und Ignaz Kirchner, die einzigen Mitwirkenden dieses Spektakels, als Zuschauer im Parkett und richten wienerisch gesagt die Besucher aus.


Postutopisches Leben und Witzelei.Der Roman des Geschäftsmannes, Journalisten und widerborstigen Geistes Daniel Defoe (1660–1731), bereits kurz nach Veröffentlichung ein Bestseller, fasst über 600 Seiten. Die Premiere dauerte rund zwei Stunden ohne Pause. Bosse beschränkt sich auf die Anfänge Robinsons und sein Inseldasein. Es gibt mehrere Deutungsstränge: Das Theater als Versuchslabor, das hat mit der Geschichte zwar nichts zu tun, ist aber effektvoll. Die Idee, die Bühne als Spielplatz für das postutopische Leben zu benutzen, wird nicht allzu weit verfolgt. Es bleibt über weite Strecken bei Witzeleien. Dann gibt es eine psychologische Ebene: Freitag und Robinsons Vater sind eine Person, das ist eine etwas schräge, aber anregende Idee. Das Religiöse, das im Roman sehr wichtig ist, „Wilde“ gegen Christen, die Christen führen sich wie Wilde auf, ist ebenfalls stimmig illustriert.


Der Theatergott staunt, nicht nur er. Im Großen und Ganzen aber wird hier auf äußerst temperamentvolle Weise nur einem Gott geopfert: dem Theatergott. Und dieser kann mit dem, was hier geboten wird, zufrieden sein, vor allem kommt er wohl ebenso wie die Besucher ob des tollen Spiels von Joachim Meyerhoff, der vor allem anfangs eine neue Variante seiner erfolgreichen Biografie-Show „Alle Toten fliegen hoch“ zelebriert, kaum zum Nachdenken.


Reißteufel und Schamane. Robinson schlägt das Angebot seines Vaters aus, sich im Mittelstand gemütlich einzurichten. Er fährt zur See, bleibt stur, wiewohl ihn schon bei seiner ersten Fahrt der Sturm kräftig beutelt. Der Gefangenschaft als Sklave eines maurischen Herren entflieht er, fährt übers Meer nach Brasilien, wo er als Zuckerrohrpflanzer reich wird und als Sklavenhändler noch mehr Gewinn machen könnte. Doch das Schiff, das 500 „Neger“ aus Afrika aufnehmen soll, sinkt im Sturm am Äquator. Nackt und bloß wird Robinson auf der Insel angeschwemmt. In Todesangst rast er durch die Parkettreihen, demoliert Sessel, reißt Vorhänge ab, baut sich aus dem Steh-Parterre-Gestänge und einer Tür seine „Burg“. Aus der großen Loge verkündet er mit wachsendem Sprachverlust kämpfend die Satzungen seines Ein-Mann-Staates. Vor den Wilden hat er panische Angst. Das Video, das einen zähnebleckenden Ignaz Kirchner im Fellkostüm zeigt, der an einen Schamanen denken lässt, ist auch erschreckend. Der alte Mann, der mit Koffer anreist und sich mit grünem Lendenschurz zum Wilden umkleidet, wirkt dann deutlich weniger gruselig und ist rasch überwältigt. Schließlich verdankt er Robinson sein Leben, wäre er doch um ein Haar von seinen eigenen Landsleuten verspeist worden.


Kalauer und Tiefsinn. Dem tobenden Meyerhoff setzt Kirchner seine massige Aura entgegen, die zwei sind ein hinreißendes Gespann, selbst wenn sie sich albernerweise beim Sonnenuntergang um die ersten Plätze streiten, Sprachübungen und Schulunterricht veranstalten. Da ist dann vom Text des Buches fast nichts mehr übrig, wird die vielschichtige Erzählung auf leicht fassliche Lektionen reduziert, wer oben und unten ist in dieser bizarren Freundschaftsbeziehung. In den theologischen Konfrontationen geht es dann wieder ernst und vehement zu, wenn Robinson in der Loge Christus am Kreuz vorführt und Freitag seinen „Chef“ konfus macht, in dem er wissen will, warum ein allmächtiger Gott nicht den Teufel tötet. Lehrreich-lustvolle Unterhaltung dominiert diesen Abend.


Was kostet die Zerstörungswut? Wer sich über diese Veranstaltung empören möchte, sollte sich vor Augen halten, wie peinlich es hätte ausgehen können, wenn als Stilmittel statt einfallsreicher Bühnengestaltung (Stephane Laimé), feiner Musik (Arno Kraehahn), Video, Licht platter Realismus gewählt worden wäre, die Opulenz des Romans hätte man damit nie erreichen können. Da hat Bosses minimalistische Inszenierung, in der die Akteure, der eine seine nervöse Vitalität, der andere sein Charisma, zur Geltung bringen können, große Qualitäten. Auch eine gewisse Kühle des Spiels ist ein passender Kontrast zum Pathos des Buches. Das Publikum applaudierte bei der Premiere mit Begeisterung. Ein Erlebnis, fast ein Geniestreich. Was die Zerstörungswut kostete, wird bei anderer Gelegenheit zu erfahren sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2012)