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Eine inklusive Schule als Bedingung für Leistung

Eine inklusive Schule Bedingung
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Christina Schenz erklärt, warum man spätestens dann erkennt, dass unser Schulsystem pervers sei, wenn man sich fragen muss, was man mit einem hochbegabten Behinderten machen soll.

Die Presse: Über welche Qualitäten muss ein Lehrer heute verfügen?

Christina Schenz: Wenn ich das wüsste, hätte ich bereits einen Nobelpreis. Qualitäten, die für alle gleichermaßen Geltung haben, gibt es nicht. Und es sollte sie auch nicht geben, denn das würde heißen, dass wir alle gleich sind. Fangen wir bei der Schule an: Die Schule braucht nicht nur Bildung, sondern die Bildung braucht die Schule. Und das muss ein Raum sein, an dem man gerne lernt. Ein Ort, an den man gerne kommt und der nicht mit Alcatraz vergleichbar ist. Wenn man sich Schulen anschaut, gibt es zumindest keine Gitter, aber viel fehlt nicht. Das widerspricht nicht nur einem angenehmen Lebensgefühl und einer guten Lernatmosphäre, es symbolisiert letztlich das, wie Lernen im Moment aufgefasst wird.

Wie wird Lernen aufgefasst?

Es wird irgendwas an Kinder herangekarrt, das nach außen hin abgeschlossen ist, aber sehr wenig mit dem zu tun hat, was draußen passiert. Lernen ist aber etwas, das sehr offen ist und nicht vermittelt werden kann. Es braucht Lehrkräfte, die die Bereitschaft haben, mit der Vielfalt der Menschen, die in der Schule sind, umgehen zu wollen. Denn: Ein gleiches Lernziel für alle ist nicht sinnvoll und – das wissen wir aus der Lernpsychologie – es ist einfach falsch. Lehrer müssen Lernumgebungen bereitstellen, die die Kinder in ihrer Unterschiedlichkeit unterstützen. Insofern sind auch Jahrgangsklassen schlecht, denn das natürliche Alter der Kinder stimmt nicht immer mit ihrem Entwicklungsalter überein. Da gibt es große Unterschiede.

Ist diese Sichtweise von Bildung, wie Sie sie beschreiben, schon in der Gesellschaft angekommen?

Da gibt es die eine Richtung, die sagt: „Wir sind eine leistungsorientierte Gesellschaft – was immer das heißt – und wir müssen unsere Kinder darauf vorbereiten.“ Denen geht es darum, leistungsfähige, möglichst hochbegabte Menschen durch die Schule zu pushen. Und da sind natürlich Kompetenzen und Standards wunderbar, weil ich alles vergleichen kann. Und zwar dahingehend: Wer passt in diese Elite und wer nicht?

Und die andere Richtung?

Und dann gibts eine immer größer werdende Zahl von Menschen, die sich nicht mehr damit abfinden. Die sagen, nur Wissen zu haben und auf Leistung getrieben zu werden, sei zu wenig. Das bringt nichts, denn Bildung ist die Mischung aus Wissen und Haltung. Wiewohl es schon wichtig ist, dass wir uns bewusst machen, dass Menschen für die Partizipation an der Gesellschaft ein Mindestmaß an Wissen brauchen.

Welche Rolle spielt die Schulform in dieser Debatte ?

Wenn ich Bildung konsequent denke, dann gibt es nicht die Bildung für einen Hauptschüler, die für einen Gymnasiasten und die für einen Sonderschüler. Spätestens wenn ich mich fragen muss, was ich mit einem hochbegabten Behinderten machen soll, sieht man, wie pervers das System eigentlich ist. Menschen lernen unterschiedlich, und es geht nicht darum, dass wir die Kinder den unterschiedlichen Schulen anpassen, sondern die Schulen den unterschiedlichen Kindern – dann brauchen wir eigentlich nur noch eine Schule.

Und zwar welche?

Die sogenannte inklusive Schule. Und damit meine ich nicht nur die Integration von behinderten Kindern an einer Regelschule, sondern eine Schule, die vom höchstbegabten bis zum behinderten Kind versucht, den Bildungsbedürfnissen dieser Kinder entgegenzukommen. Das ist strukturell nicht einfach. Da muss man noch entwickeln und ausprobieren. Und ich kenne die Argumente, die dagegen eingebracht werden. Da heißt es dann: „Wie sollen wir das machen, wenn wir schwerstbehinderte Kinder wickeln müssen?“ Aber das bedeutet ja gerade nicht, dass jeder Lehrer Kinder mit therapeutischen Bedarf wickeln muss. Da wird es Strukturen geben müssen, in denen verschiedene Experten an einer Schule miteinander arbeiten. Lehrer müssen lernen, besser mit Experten zusammenzuarbeiten. Da entstehen Synergien.

Wie würde demnach die ideale Schule Ihrer Meinung nach aussehen?

Das wäre eine Schule, in der die Begabung von Kindern nicht an Schulnoten festgemacht wird. Denn wir wissen, dass sie relativ wenig über die Begabung eines Kindes sagen, sondern mehr über den sozioökonomischen Hintergrund der Eltern. Eine ideale Schule muss Platz für alle Kinder bieten. Wenn ein Lehrer versucht, den Unterricht zu individualisieren und jedem Kind gerecht zu werden, dann heißt das ja, dass der Hochbegabte in seinen Bedürfnissen unterstützt wird, der Behinderte aber auch.

Diese Schule widerspricht aber dem Bildungsideal jener Gruppe, die meint, man müsse Kinder auf die Leistungsgesellschaft vorbereiten.

Eben nicht. Bildungsgerechtigkeit heißt ja nicht Bildungsgleichheit. Da verliert ja niemand etwas, weil das ja nicht heißt, das alle das Gleiche machen müssen. Wenn es gelingt, dass Lehrer die Kompetenzen haben, ihren Unterricht auf die Kinder auszurichten und nicht nur ein Klassen- oder Lernziel im Auge haben, dann kommt das allen zu Gute. Das schließt den Leistungsgedanken nicht aus, ganz im Gegenteil. Es wird jedem ermöglicht, in seiner Art zu lernen, so wird jeder Einzelne leistungsfähiger. Insofern ist das sogar Bedingung dafür.

Zur Person

Christina Schenz (45) hält den Lehrstuhl für „Grundschulpädagogik und Didaktik“ an der Uni Passau. Davor lehrte sie unter anderem an der Universität Wien. Am Wochenende sprach sie beim Perchtoldsdorfer „Bildungsfrühling“. [Internet]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2012)