Übrigens ist Belgien sehr wohl ein Staat

uebrigens Belgien sehr wohl
uebrigens Belgien sehr wohl(c) EPA (Kay Nietfeld)
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Brüssel ist die Welthauptstadt der Absurdität. Vielleicht hält darum das Land seit 1830 zusammen.

Eines der beliebtesten Themen für Tischgespräche unter Brüsseler Exilanten ist die Frage, ob Belgien denn überhaupt ein Staat sei oder nicht. Flamen gegen Wallonen, alle gegen Brüssel, aber niemand für Belgien: So kann man den durchschnittlichen Kenntnisstand der meisten Zeitgenossen zusammenfassen, die zum Zweck der Arbeit am europäischen Einigungswerk in Brüssel gelandet sind.

Nur, um Missverständnisse zu vermeiden: Die Absurditäten Belgiens sind ein täglicher Quell der Verwunderung, des Amüsements und des Zorns. Genauso, wie es wohl kein Zufall war, dass Sigmund Freud für seine psychoanalytischen Forschungen gerade in Wien ausreichend viel Anschauungsmaterial fand, ist es auch nur schlüssig, dass René „Ceci n'est pas une pipe“ Magritte Belgier war. Dass aber die seinerzeit von der wilhelminischen Kriegspropaganda aufgebrachte Mär, Belgien sei eigentlich eh kein Land und darum könne man es seelenruhig besetzen, im 21.Jahrhundert eine Auferstehung findet, verstört mich zutiefst. Zur Erinnerung: Die Belgier haben sich ihren Staat in einer ziemlich blutigen Revolution 1830 selber erkämpft. Man kann natürlich über die wenig hehren Motive dieser Allianz aus wallonischen Liberalen und flämischen Katholiken streiten. Doch während meine niederländischen Bekannten ihre Heimat angesichts der Haager Regierungskrise schon als „Bananenmonarchie“ verspotten, dürfen sich die Belgier darüber aufregen, dass ihr Regierungschef seine Polizeieskorte zu oft verwendet. Immerhin: Die haben einen Regierungschef. Und mit dem besuchenswerten „Belvue“ in Brüssel auch ein Haus der Geschichte. So etwas bringt nicht einmal die Republik Österreich zusammen – abgesehen davon, dass sie 89 Jahre jünger ist.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.04.2012)

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