London feiert den Dichter aus Stratford upon Avon derzeit exzessiv. Allein das Globe Theatre zeigt seine 37 Dramen in 37 Sprachen.
Kann man von William Shakespeare (1564 bis 1616) überhaupt genug kriegen? In London ist das Angebot derzeit jedenfalls gigantisch. Allein Shakespeare's Globe Theatre bietet ihn total: Bis 9.Juni werden dort 37 Stücke des Dramatikers in 37 Sprachen gezeigt. Am Südufer der Themse, ungefähr dort, wo einst Shakespeare ein Theater führte, werden seit 15 Jahren in einem Nachbau seine Dramen gepflegt. Den Anfang der Gesamtschau machte am Wochenende zum Geburts- und Sterbetag des Dichters das Versepos „Venus & Adonis“ in der Produktion des Isango Ensembles aus Kapstadt.
Auf Deutsch ist im Globe am 31. Mai und 1.Juni „Timon von Athen“ in einer Produktion der Bremer Shakespeare Company zu sehen. Wer einen Tag länger bleibt, kann sich „Hamlet“ auf Litauisch anschauen, unter der Regie des großen Eimuntas Nekrošius. Vor dem „Timon“ steht „The Comedy of Errors“ auf dem Programm – auf Dari. Die Truppe Roy-e-Sabs, bei der auch Frauen mitspielen (auch unverschleiert, was zu Hause ein Skandal war), tritt erstmals außerhalb der afghanischen Hauptstadt Kabul auf.
Shakespeare, der Weltliterat, wird im Globe unter anderem auf Japanisch, Kisuaheli, Arabisch, Russisch oder Chinesisch zu hören sein, auf Hebräisch, in Bangla und Shona. Wird man ihn aber verstehen? Ja! Seine Stücke sind universal und auf verschiedenen Ebenen, nicht nur den vielfältigen sprachlichen, zu erfassen. Man kann auch einfach nur staunen. Und um was es in „The Taming of the Shrew“ wirklich geht, wissen die Damen sogar in einer Produktion auf Urdu rasch.
Wer sich dennoch auf den Sturm an Produktionen vorbereiten will, der von London bis Stratford tobt, sollte derzeit beim britischen Rundfunk in sein bestes Programm reinhören: BBCRadio 4 untersucht derzeit „Shakespeare's Restless World“. In je 15 Minuten gräbt Neil MacGregor, Direktor des British Museum, anhand von ausgesuchten Objekten Details über den Dramatiker und seine Zeit aus, die selbst für strebsame Shakespeare-Verehrer zum Teil noch neu sein werden. Wer weiß denn noch, welche Snacks man zu einer Vorführung bei King James mitnehmen soll? Ein Tipp für die billigen Plätze: Bier und Austern. Vergessen Sie die Bratengabel nicht. Warum aber hieß das Theater „The Globe“, und was hat das mit dem Freibeuter Sir Francis Drake zu tun? „We the globe can compass soon / Swifter than the wandering moon“, behauptet Oberon, kühn wie ein Weltumsegler.
„Globe to Globe“ ist nur der Auftakt fürs World Shakespeare Festival, das auch tausende Laien zulässt. Das British Museum zeigt ab 19.Juli, vor Beginn der Olympischen Spiele, „Shakespeare staging the World“. Selbst das ist nur Vorübung. 2016 gibt es den 400.Todestag. Bis dahin wird man wohl vergessen haben, wer 2012 das Bogenschießen in London gewonnen hat, nicht aber, in wen Romeo anfangs so unglücklich verliebt ist.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.04.2012)