Asien: Nordkorea übt Kapitalismus

Diktator Kim verleiht in der Industriezone Kaesong Billigst-Arbeiter an Konzerne aus Japan und Südkorea.

TOKIO/SEOUL. Es mag der reinen marxistischen Lehre bei Strafe des eigenen Untergangs widersprechen, was Nordkoreas "Lieber Führer" Kim Jong Il an seiner südlichen Grenze versucht: Er verleiht Arbeiter aus dem "Paradies der Werktätigen" an Erzkapitalisten aus Südkorea und Japan.

"Mit Kaesong werden wir Frieden und Wohlstand auf die koreanische Halbinsel bringen", fabuliert Kim Hyo Jeong in reinster Funktionärsprosa. Der "kleine Kim", wie er sich im Scherz nennen lässt, ist Nordkoreas Chef der Sonderwirtschaftszone Kaesong, der ersten kapitalistischen Enklave, die der "Weise Führer" Kim Jong Il in seinem Reich des Steinzeit-Sozialismus zulässt.

Unmittelbar nördlich der letzten schwer bewachten Demarkationslinie des Kalten Krieges, rund eine Autostunde von der südkoreanischen Metropole Seoul entfernt, nähen hinter zwei Meter hohen Zäunen rund 6000 Parteigenossen Blusen und Hemden, stanzen Sohlen für Sportschuhe, montieren Benzinpumpen oder formen Kochtöpfe. Je nach Bedarf bestellen südkoreanische Firmen die kommunistischen Tagelöhner.

Das Material wird an sechs Arbeitstagen der Woche mit rund 200 Fahrzeugen aus dem Süden heran gekarrt, die auf dem Rückweg die Fertigware mit der Aufschrift "Made in Korea" durch den Eisernen Vorhang Richtung Süden transportieren. Diese Produkte werden in Seoul vertrieben und nach Europa und Japan exportiert.

Das stört vor allem die Amerikaner, die Waren aus dem "Schurkenstaat" Nordkorea nicht zulassen wollen und mit dieser Begründung die Verhandlungen mit Südkorea über ein Freihandelsabkommen unterbrachen. Für Washington spielt es keine Rolle, dass der gesamte Energiebedarf, alle Rohstoffe und Geräte, selbst die Büroklammern nach Kaesong eingeführt werden. Das Kim-Regime stellt ausschließlich das Land und die Arbeitskraft.

Nordkorea verdient aber kräftig daran. Die 50 US-Dollar Monatslohn plus 7,50 Dollar Sozialversicherung müssen bei einer Pjöngjanger Staatsagentur eingezahlt werden. Wie viel Lohn die Leihkräfte ausgezahlt bekommen, wird wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Aus anderen Auslandsprojekten in der Slowakei, Sibirien und Dubai weiß man, dass die nordkoreanische Führung in der Regel mehr als die Hälfte der Löhne einkassiert. Auch die derzeit bis zu 400 Südkoreaner, die in diesem staubigen Ghetto in Wohn-Containern - allerdings mit Dollar-Läden und Karaoke-Box - hausen, greift Kim ab. Sie müssen an Nordkorea Einkommenssteuer bezahlen.

Dafür bleiben die südkoreanischen Firmen für die ersten fünf Jahre fiskalisch ungeschoren, nicht einmal Importzölle werden erhoben. Erst danach sind 14 Prozent Gewinnsteuer fällig - natürlich an Pjöngjang zu überweisen. "Das ist sogar günstiger als in Vietnam", schwärmt Kim Dongkeun, Vorsitzender des gemeinsamen zivilen Verwaltungskomitees, das die Nordkoreaner kapitalistische Produktionsweise lehren soll. Zwar werden nur arbeitsintensive Low-tech Jobs verrichtet, aber Kims Elite-Proletarier sind hoch qualifiziert und extrem motiviert, wie südkoreanische Manager versichern. Bei der Textilfirma Shin Won haben 40 Prozent der nordkoreanischen Belegschaft einen Universitätsabschluss.

Die 50-Dollar-Löhne sind dennoch die niedrigsten der Welt. Sie liegen derzeit pro Monat 20 Dollar unter Vietnam, 50 bis 150 Dollar unter China und mindestens 1000 Dollar unter dem Durchschnittsniveau von Südkorea. Die Arbeitszeit beträgt wöchentlich 48 Stunden, Streiks sind ausgeschlossen.

"Solche guten Bedingungen gibt es in China längst nicht mehr", begründet Hwang Woo Seung die Auslagerung von Teilen seiner Seouler Textilfirma Shinwon nach Nordkorea. Ist das nicht reinste Ausbeutung? "Wir sind nur Geschäftsleute", rechtfertigt sich Byun Ha Jung, Entwicklungsmanager bei Hyundai Asan.

Die vorläufige Steuerfreiheit und vor allem die Niedriglöhne haben bisher 16 Gesellschaften aus Südkorea und Japan nach Kaesong gelockt. In der Pilot-Phase, die Ende 2007 abgeschlossen sein wird, sollen sich fast 1800 Firmen beworben haben.

Die Hyundai-Tochter Asan, die insgesamt schon mehr als eine Mrd. Dollar im Norden investiert hat und dort auch mehrere Tourismus-Projekte betreibt, will diese kapitalistische Exklave im staubigen Grenzgebirge bis 2012 mit weiteren 220 Mill. Dollar auf 67 Quadratkilometer ausbauen.

Dann sollen bis zu 730.000 Nordkoreaner im Kapitalismus arbeiten. Die derzeit 340 Telefonleitungen in den Süden werden laut Plan auf 10.000 erweitert, die Energieversorgung sukzessive ausgebaut.

Kim Jong Il muss dennoch einkalkulieren, dass er sich auf ein gefährliches Spiel einlässt. Die Dialektik wird derzeit vom Klassenfeind aus dem Süden diktiert. Zwar reden Arbeiter aus dem Norden und Manager aus dem Süden kaum miteinander und essen in getrennten Kantinen, aber die Systemunterschiede bei Technik, Hygiene und Arbeitsorganisation fallen auch dem überzeugtesten Genossen auf. Wer in Kaesong arbeitet, hat das Elend Koreas schon halb überwunden.

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