Der Papst hat die deutschsprachigen Bischöfe zur Ordnung gerufen: Das Kelchwort vom "Blut, das für euch und für alle vergossen wird" muss beim Abendmahl geändert werden.
"Dies ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ So kennen die katholischen Kirchgänger im deutschsprachigen Raum seit einem halben Jahrhundert den Spruch, mit dem der Priester in der Eucharistiefeier den Wein in das Blut Christi verwandelt. Bald aber werden wohl viele an dieser Stelle der Messfeier stutzen: wenn das Blut nämlich von einem Sonntag auf den andern nicht mehr „für alle“, sondern „für viele“ vergossen wird.
Zumindest wird es das, wenn die Priester ihren Bischöfen folgen, die wiederum dem Papst gehorchen sollen: Er hat in einem Brief die Mitglieder der deutschen Bischofskonferenz und auch Kardinal Schönborn zu dieser Änderung aufgefordert. Und die haben am Dienstag und Mittwoch öffentlich Zustimmung signalisiert.
Wie das – ist Jesus doch nicht gekommen, um alle Menschen zu erlösen? So klingt es nämlich für den katechetisch ungebildeten Laien, und das war auch ein Grund, warum in den 1960er-Jahren im Zuge des Zweiten Vatikanums das lateinische „pro multis“ („für viele“) mit „für alle“ übersetzt wurde.
Auch in den griechischen Originaltexten heißt es „hyper pollon“, „für viele“. Die „Für alle“-Befürworter argumentierten aber, dass diese Formel der Evangelisten Matthäus und Markus auf eine Stelle im Alten Testament (Jesaja 53, 11f.) verweise. Der hebräische Ausdruck „ha-rabbim“ dort könne nicht nur mit „viele“ übersetzt werden, sondern auch mit „die vielen“ im Sinn einer Gesamtheit. Diese Deutung der Jesaja-Worte ist heute allerdings sehr umstritten. Und aus „Ehrfurcht vor dem Wort Jesu“, so der Papst, müsse man die Stelle möglichst texttreu übersetzen.
Er betont auch, dass die „Universalität des Heils“ mit dieser Änderung nicht infrage gestellt werde. Jesus habe an anderer Stelle keinen Zweifel daran gelassen, dass er als Erlöser für die ganze Menschheit gekommen sei. Warum er dann hier „für viele“ sagte? Um sich als der „Gottesknecht“ von Jes53 zu erkennen zu geben, meint der Papst. Das „viele“ gelte unmittelbar für die, die gerade die Messe feiern – analog zur Formulierung bei Lukas, wo es nur „für euch“ heißt.
Die Neuübersetzung, zu der der Papst schon 2006 aufforderte, ist in den englisch-, französisch- und spanischsprachigen Ländern schon umgesetzt, in Deutschland wird seit Jahren darüber gestritten. Kritiker fragen: Ist es sinnvoll, ein so zentrales Wort der Liturgie wörtlich „richtiger“ zu übersetzen, wenn man damit riskiert, dass die Gläubigen es dann falscher verstehen als vorher? Ist der Sinn, der mitschwingt, gar vom Papst intendiert? Will der Papst gewisse Deutungen der „Allerlösung“ verhindern? Soll „für viele“ auch heißen, dass es einen Unterschied gibt zwischen denen, die erlöst werden können und denen, die letztlich durch ihr Glauben und Tun erlöst werden?
Der Papst wolle sein Projekt „Extra ecclesiam nulla salus“ vorantreiben, fürchtet die Plattform „Wir sind Kirche“. Und die Piusbrüder jubeln.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2012)