Umut Dag: "Obsession türkischer Mütter fasziniert mich"

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Der kurdischstämmige Regisseur Umut Dag (29) spricht über seinen ersten Langspielfilm "Kuma" und über starke Frauenfiguren, die Opfer ihrer eigenen Werte sind. Das Drama ist ab Freitag im Kino zu sehen.

Die Presse: Die titelgebende Zweitfrau in Ihrem Film bringt das Gerüst einer türkischen Familie in Wien gehörig durcheinander. Warum dieser Aufhänger für eine komplexe Geschichte über drei Einwanderergenerationen?

Umut Dag: Die Zweitfrau fungiert für mich als Werkzeug, als Mittel zum Zweck, um von den Konflikten innerhalb einer Familie ausgehend von der Mutterfigur zu erzählen.

Ihr Streifen hätte ursprünglich „Aufbruch“ heißen sollen. Warum haben Sie sich schließlich für „Kuma“ entschieden?

In der Entwicklungsphase hatten wir einige Titel und alternative Enden im Kopf. Hätten wir den Film „Aufbruch“ genannt, hätte das Ende ganz anders ausfallen müssen. Für die „Zweitfrau“ haben wir uns entschieden, weil sie es ist, die eine Kettenreaktion in der Familie auslöst, in die sie einheiratet. Sie ist der Schneeball, der zur Lawine wird.

Die angesprochene Mutterfigur ist in der Tat eine bemerkenswerte Frau. Als sie schwer erkrankt, überredet sie ihren ältesten Sohn zu einer Scheinehe mit einer jungen Frau aus der Türkei, die sich nach ihrem Tod um ihren Mann und ihre Kinder kümmern soll. Sie ist entweder unglaublich selbstlos oder unglaublich egoistisch.

Ja, das ist ein Dilemma – und der Grund dafür, dass beide Hauptfiguren in Teilen des Publikums auf etwas Unverständnis stoßen werden, weil sie zu sehr wie Opfer wirken. Aber das sind sie nicht, sie sind starke Charaktere. Die erste Einwanderergeneration von türkischen Müttern ist mit ganz eigenen Wertvorstellungen nach Österreich gekommen. Ihr Leben besteht fast ausschließlich aus der Familie. Für ihre Kinder und ihren Mann würden sie alles tun. Aber was, wenn sie irgendwann das Gefühl haben, für sie nicht mehr da sein, sie nicht mehr beschützen zu können? Wie weit geht eine Mutter in einer derart verzweifelten Situation?

Die Figur in „Kuma“ geht sehr weit und trifft eine extreme, radikale Entscheidung.

Und wie. Indem sie eine Zweitfrau für ihren Mann besorgt, glaubt sie, die Lösung für all ihre Probleme gefunden zu haben. Ihr Plan ist der, sie lange genug nach ihren eigenen Werten zu „erziehen“, um ihr nach ihrem Tod ihren Mann und ihre Kinder getrost anvertrauen zu können. Diese Obsession türkischer Mütter, um jeden Preis hinter ihrer Familie stehen zu müssen, fasziniert mich. Eine Einstellung, die ich nicht verstehe, obwohl ich sie wiederholt miterlebt habe. Und mich interessieren nun einmal Themen, die ich nicht verstehe.

Ironischerweise bekommt die Mutter am Ende, was sie will. Aber nicht so, wie sie sich das vorgestellt hat.

Genau. Damit entlarvt sie sich und auch ein bisschen die Gesellschaft. Ihr geht es ja nicht nur darum, eine glückliche, intakte Familie zu haben, sondern dieses Bild auch nach außen hin zu vermitteln. Zu jeder Zeit den Schein zu wahren. Traurig, eigentlich.

Besonders facettenreich ist die Figur von Kezvan, gespielt von der Wiener Schauspielerin Alev Irmak. Eine innerlich zerrissene Frau, einerseits verzweifelt, andererseits aber demonstrativ stark.

Bei dieser Figur bestand die Gefahr, dass sie platt und plakativ wirkt, wenn wir sie nicht richtig besetzen. Wie eine typische Opferfigur. Das wollten wir auf jeden Fall vermeiden. Als wir uns entschieden haben, dass Alev Irmak die Rolle übernehmen wird, wussten wir sofort, dass sie dadurch extrem vielschichtig wird. Kezvan ist eine starke Frau, stur und stolz. Wenn sie eine Entscheidung trifft, zieht sie sie auch bis zum Schluss durch, weil sie sonst glaubt, ihr Gesicht zu verlieren. Sie ist gewissermaßen Opfer ihrer eigenen Werte, nicht Opfer männlicher Gewalt – obwohl sie von ihrem Mann geschlagen wird. Sie ist – wie auch die anderen Frauenfiguren im Film – gefangen in ihrem gesellschaftlichen Käfig. Am Ende emanzipiert sich auch sie, aber auf ihre Art.

Kezvans Familiensituation wird nur angeschnitten. So wie viele andere, mehr oder weniger dramatische Enthüllungen. Warum wollten Sie auf diese Nebenstränge nicht verzichten?

Ich konnte auf sie nicht verzichten. Diese Stränge mögen angestreift wirken, sind aber wichtige Säulen, die den Film tragen und ohne die ich diese Geschichte nicht erzählen könnte. Zumindest nicht ohne Klischees.

Apropos Klischees. „Kuma“ ist ein österreichischer Film von einem österreichischen Regisseur. Dennoch wird darin zu 80 Prozent türkisch gesprochen.

Die Sprache war von Anfang an ein großes Thema für uns, schließlich gehen wir mit der Entscheidung, die Dialoge größtenteils auf Türkisch zu halten, ein enormes Risiko ein. Aber diese Geschichte lässt sich nicht anders erzählen. Dessen bin ich mir sicher. Welchen der türkischen Charaktere hätte ich denn mehr Deutsch sprechen lassen sollen? Natürlich kann ich einen auf „Mordkommission Istanbul“ machen, wo alle Deutsch reden, obwohl sie in Istanbul sind. Aber der Authentizität der Handlung hätte das nicht gutgetan.

Halten Sie „Kuma“ tendenziell für einen Festival- oder einen Publikumsfilm?

Das ist ganz schwer zu sagen. Das Thema ist wohl eher ein Festivalthema, die Machart hingegen nicht. Daher kam der Film bei einigen Festivals sehr gut an, bei anderen wiederum nicht so. Und wie er vom Publikum angenommen wird, werden wir sehen.

Auf einen Blick

Debütfilm. Der in Wien lebende kurdischstämmige Regisseur Umut Dag liefert mit „Kuma“ seinen ersten abendfüllenden Spielfilm ab. Das Familiendrama eröffnete die Reihe Panorama bei der diesjährigen Berlinale und wurde am Sonntag beim Filmfestival „Linea d'ombra“ in der süditalienischen Stadt Salerno als bester Film ausgezeichnet. „Kuma“ ist der türkische Begriff für eine Zweitfrau – auch in der Türkei verboten, in manchen Gebieten aber immer noch verbreitet und gesellschaftlich oft noch geduldet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2012)

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