Am Amazonas kennen die Pirahãs wenig und mehr. Das reicht ihnen.

Wo endet das Wort „viele“, wie zweideutig ist das Wort „alle“, und wann ist das Maß voll? Ein Ausflug in die Wunderwelt der Zahlen, die uns Bescheidenheit lehren.

Das Wochenende wird schön, sagen die Meteorologen. Die fleißige Gegengift-Redaktion, die den 1. Mai beinahe zu den hohen Feiertagen zählt, wird sich bis dahin freinehmen. Aus Vorfreude zähle ich an meinen Fingern ab, wie viele Tage es noch bis zum Beginn der Badesaison dauert. 28, 29, 30 – eins. Bis zum Ringfinger, also vier Tage.

Sie lachen wegen dieser bewährten Methode? Sicher ist sicher! Aus dem Wissenschaftsressort weiß ich, dass selbst die begnadetsten Rechner nur vier, höchstens eine Handvoll Dinge auf einen Blick erfassen. Männer, sagt frau, können überhaupt kaum bis drei zählen, bis zum Mittelfinger also, doch wer gibt solch elementare Schwächen gerne zu?

Nun, das Volk der Pirahãs im Amazonasgebiet. In deren sympathischer Sprache sagt man, ohne die Finger zuhilfe nehmen zu müssen, hói, hoí, baágiso. Dann ist Schluss mit der Zählerei. Mehr brauchen diese Indianer nicht an Arithmetik. Westliche Forscher streiten bis heute darüber, was in Pirahã mit dieser Zahlenfolge gemeint sei: eins, zwei, viele, oder doch wenig, mehr, alle? Der Linguist Daniel L. Everett behauptet nämlich, dass hói die kleine, hoí die größere Anzahl bezeichne. Also könnte baágiso nicht nur viele benennen, sondern eine Menge, die ans Unfassbare grenzt.

Es wäre interessant zu erfahren, was die Pirahãs von der Anordnung des Papstes halten, dass künftig die heiligen Worte der Wandlung, die von Jesus selbst stammen, wieder mit dem „Blut, das für viele von euch vergossen wird“, übersetzt werden, nicht mit der nach dem Zweiten Vatikanum üblichen Formel „für alle von euch“. Worin besteht der substanzielle Unterschied, den Benedikt XVI. in der Formel der Transsubstantiation hervorhebt? Ist er wirklich so höllisch groß? Das wenige Küchenlatein und Inselgriechisch des Gegengiftes reichen nicht aus, um die semantischen Feinheiten erster erhaltener Bibeln zu ergründen, die hunderte Jahre nach Christi Geburt und Verklärung geschrieben wurden, ganz zu schweigen von der völligen Ignoranz des Aramäischen, das Jesus beim letzten Abendmahl wahrscheinlich gesprochen hat. Aber fast alles spricht für Bescheidenheit beim Übersetzen.

Ein Beispiel aus dem Evangelium (Matthäus, 18): Die Jünger streiten über ihre Rangfolge im Himmel. Sie wollen wissen, wer von ihnen dort der Mehrere sei. Jesus deutet auf ein Kind. Dann aber erklärt er das Wesen von Gemeinschaft: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“

Zwei oder drei, das verstehen sogar Männer. Was aber ist wirklich das treffendere Wort – alle oder viele? Die indoeuropäische Wurzel von viel, das sich aus vil und filu entwickelte, heißt pélu – dieselbe wie in voll. Das Wort alle hingegen, zu dem die Germanen noch alla sagten, bedeutet ganz, gesamt. Tückischerweise meint alle in einigen Wendungen auch das Gegenteil. Bei der Hochzeit zu Kanaa heißt es laut Vulgata: „vinum non habent“. In Wittenberg würde man sagen: „Der Wein ist alle.“ Da wirkte Jesus sein erstes Wunder, verwandelte Wasser in Wein. Sechs massive Krüge. Alles voll viel, sagt man am Amazonas.

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2012)

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