Der Fall Timoschenko überschattet die Fußball-Europameisterschaft, die in sechs Wochen beginnen soll.
Brüssel/Go. Eine wachsende Zahl europäischer Politiker droht der Regierung der Ukraine mit einem Boykott der Fußballeuropameisterschaft, die in sechs Wochen beginnt. Sollte sich der Umgang der ukrainischen Justizbehörden mit der inhaftierten und erkrankten früheren Ministerpräsidentin, Julia Timoschenko, nicht verbessern, sollten westliche Politiker den Fußballmatches in Charkiw, Dnjepropetrowsk, Kiew und Lwiw fernbleiben, sagte der Vorsitzende des Außenpolitischen Ausschusses im Bundestag, der CDU-Mann Ruprecht Polenz, zum ARD.
Seit der Amtsübernahme durch Präsidenten Viktor Janukowitsch, den Erzfeind Timoschenkos, seien gegen 20 frühere Regierungsmitglieder strafrechtliche Ermittlungsverfahren eröffnet worden. „Und das hat auch in der Ukraine den Eindruck hervorgerufen, dass die Justiz hier zu politischen Zwecken missbraucht wird“, sagte Polenz. Bereits am Donnerstag hatte Bundespräsident Joachim Gauck seine Teilnahme an einem Treffen von Staatschefs mittelosteuropäischer Staaten auf der ukrainischen Halbinsel Krim im Mai mit Hinweis auf die Causa Timoschenko abgesagt.
Auch Viviane Reding, die Vizepräsidentin der EU-Kommission, versucht über den Weg der Sportdiplomatie Druck zu machen. In einem der „Presse“ vorliegenden Brief an Michel Platini, den Präsidenten des europäischen Fußballverbandes Uefa, fordert Reding Platini auf, Timoschenkos Lage gegenüber seinen ukrainischen Gesprächspartnern aufs Tapet zu bringen. Reding lehnte zugleich die Einladung Platinis zum Eröffnungsspiel in Warschau ab – „aus institutionellen Gründen“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2012)