Dass Filmregisseur Ulrich Seidl ausgerechnet David Foster Wallace adaptiert, ist eigentlich logisch.
Filmregisseur Ulrich Seidl ist viel beschäftigt: Mitte Mai findet die Cannes-Premiere seines Spielfilms „Liebe“ statt – Auftakt zur bereits abgedrehten Kinotrilogie mit dem Motto „Paradies“. Dazu bereitet er eine Theaterpremiere für die Wiener Festwochen vor. Dass er dabei Material des früh aus dem Leben geschiedenen US-Literaturwunderkinds David Foster Wallace adaptiert, mag erst verblüffen. Aber eigentlich ist es logisch.
Der 1962 geborene Philosophensohn Wallace hatte als Jugendlicher mit einigem Erfolg eine Tennisprofikarriere angestrebt, dann Logik und Mathematik studiert, obendrein ein Examen in Englischer Literatur abgelegt: Aus der Abschlussarbeit entwickelte er 1987 seinen ersten großen Gesellschaftsroman „Der Besen im System“. Daneben fiel er durch ungewöhnliche Kurzgeschichten und hintersinnige Essays auf. Unter Letzteren wurde „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ besonders bekannt: Darin schildert Wallace eine Luxuskreuzfahrt erbarmungslos als regelrechten Horrortrip. Hinter der geschliffenen Ironie und raffinierten Konstruktion seiner Prosa steckt ein tiefes Bewusstsein für die Abgründe und das Unglück hinter der Fassade der Spaß- und Wohlstandsgesellschaft.
Wallace selbst litt seit seinen Teenagerjahren an Depressionen, konnte nur dank Medikamenten schreiben. Bald nachdem er diese wegen Nebenwirkungen absetzte, erhängte er sich 46-jährig in seinem Haus. Der Titel seinem Hauptwerks, eines visionären Riesenromans, war „Unendlicher Spaß“.
„Spaß ohne Grenzen“ hieß dagegen eine von Ulrich Seidls frühen Fernseharbeiten: Diese sarkastische Vergnügungsparkstudie ist auf ihre Art nicht weniger unheimlich als Wallaces Kreuzfahrtdemontage. Wo die Werke von Wallace und Seidl auf den ersten Blick Welten trennen, gehen sie doch zwingend zusammen – im Humor, im Stilbewusstsein, aber vor allem in der Kritik ihrer schonungslosen Gesellschaftsbeschreibung.
Für sein Festwochen-Theaterstück greift Seidl auf Wallaces „Kurze Interviews mit fiesen Männern“ zurück. Und dieses Buch ließe sich trefflich mit den Worten charakterisieren, mit denen Seidl anlässlich der Cannes-Bekanntgabe seine Sextouristinnen-Saga „Liebe“ beschrieben hat: Es handelt „von Ausgebeuteten, die ihrerseits andere Ausgebeutete ausbeuten“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2012)