Die Rache der Journalisten ist das Archiv. Diese Woche zeigte sich das beim "Club 2" im ORF. Eine Einspielung von 1994 enthüllte, wie peinlich hierzulande Präsidenten sein können.
Der „Club 2“ ist das ideale Forum für Redner, die sich gern beim Gescheit-Sein zuhören. Auch in der Diskussion über die Neuauflage des Prozesses um die ehemalige ÖGB-Bank Bawag wurde das rasch klar, als Clemens Schneider (Finanzsekretär und Vorstand des Österreichischen Gewerkschaftsbundes) erklärte, warum Banken so scharf aufs schnelle Geschäft sind. Nostalgisch glänzten seine Augen bei der Erinnerung ans Zocken als Derivathändler der Citybank. Es ging um harte Währung, den Schilling. Die Tageszinsen seien in wenigen Stunden von acht auf 160 Prozent gestiegen. Daran habe man sehr gut verdient. Fazit: Wachstum ist wesentlich.
Im Club saß aber auch ein bieder wirkender Wirtschaftsprofessor aus Würzburg, der die kleinen Sparer und seriösen Banken verteidigte. Dieser Ekkehard Wenger hatte gar keine Freude mit den gierigen Finanzmanagern von heute. Wem sollte man also sein Geld anvertrauen – dem grauen Herrn aus Würzburg oder dem glatten Bobo aus dem ÖGB?
Der ORF machte einem die Entscheidung diesmal leicht, mit der TV-Konserve eines „Club 2“ von 1994, die kurz eingespielt wurde. Thema: Bawag. Damals schon warnte Herr Wenger vor dubiosen Geschäften. Darf eine Arbeiterbank spekulieren? Nein, meinte der Professor. Was aber sagten die übrigen Experten? Ein Bawag-Vorstand namens Helmut Elsner brüstete sich damit, dass unter seinem Chef Walter Flöttl mit dessen Sohn jahrelang Karibikbusiness mit hohen Gewinnen gemacht wurde. Offenbar hielt er das für Können. Leider wurde nicht gezeigt, wie Elsner Journalisten, die Flöttls Glücksspiele aufgedeckt hatten, beschimpfte. ÖGB-Altpräsident Anton Benya sprang ihm bei: Man habe die Geschäfte nur zurückgefahren, „damit wir eine Ruh' haben. Die Burschen dort sind alle okay“, diagnostizierte er die Macher der Bawag.
Dummes Zeug. Der alte Club von 1994 zeigte, dass Benya von Wirtschaft so viel verstand wie Bruno Kreisky. Wirklich erschreckend aber war die sonderbare Logik des damaligen Finanzsprechers der SPÖ. Das Risiko der Bank habe nichts mit Spekulation zu tun, behauptete der. Wenger staunt auch noch nach 18 Jahren über den Fachmann, der diese Geschäfte vehement verteidigt hat, nur weil sie ein paar Mal gut gegangen waren: „Das ist einfach dummes Zeug und für einen heutigen Nationalbankpräsidenten blamabel.“ Es wäre interessant zu wissen, wie Ewald Nowotny, der später zum Bawag- und schließlich zum ÖNB-Chef avancierte, seine Analyse heute bewertet. Schreibt er sie als Schutzbehauptung ab? Den ORF würde ich bitten: Gibt es im Archiv gesammelte Sprüche über den Euro, Defizite, Garantien und das Glücksvogerl an sich, von Experten wie Nowotny, Grasser oder Fekter? Damit wir alle aus Schaden klug werden können.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.04.2012)