"Wastwater": Abschied, Anfang und Abgrund

Wastwater Abschied Anfang Abgrund
Wastwater Abschied Anfang Abgrund(c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)
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Stephan Kimmig reduziert das unheimliche Kammerspiel von Simon Stephens. Die Schauspieler agieren in den drei Dialogen wie unter einer Lupe. Sie lösen die Herausforderung sehr unterschiedlich.

Die drei Szenen von Simon Stephens' „Wastwater“ sind noch simpler als eine griechische Tragödie – ohne Chor, nur Dialog: Ein Mann und eine Frau verabschieden sich vor einem Landhaus, ein Mann und eine Frau haben ein Rendezvous in einem Hotel, ein Mann und eine Frau wickeln ein Geschäft ab, in einer Lagerhalle, alles nahe Heathrow Airport. Die Kontraste zwischen den Dialogpartnern sind groß, ihr Reden aber ist beiläufig, und irgendwie sind die Geschichten, die man von ihnen erfährt, auch en passant durch erwähnte Figuren verbunden. Es wird seriell je 30Minuten gespielt, das Geschehen aber war gleichzeitig. Abschied, Kennenlernen und das Ungewisse von Beziehungen greifen ineinander.

Das Simultane macht Regisseur Stephan Kimmig bei der Premiere am Sonntag ohne Umstände klar, indem er eine große Uhr hinten an der Feuermauer des Akademietheaters in Szene zwei und drei jeweils wieder auf neun Uhr zurückfahren lässt. Immer hat es soeben geregnet. An die Rückwand wird anfangs das Aufklatschen riesiger Wassertropfen projiziert, Frösche quaken.

Die Leere und der Flugzeuglärm darüber

Die Treffen finden in einer öden Halle statt, nicht in drei unterschiedlichen Sets, die der Text vorschreibt. Zwei Betonsäulen, eine Pfütze, Lampen, dann und wann ein Tischchen oder ein Sessel. Der Realismus, den Katie Mitchell bei der Uraufführung im Vorjahr in London pflegte, mit einem Garten, einem Hotelzimmer und einer kargen Halle, wird bei Kimmig äußerst reduziert. Von Anfang an ist bei ihm Niemandsland, nur durch fast leeren Raum und Flugzeuglärm situiert. Seine zurückhaltende Regie konzentriert sich auf den reinen Dialog.

Man sieht drei Kabinettstücke, die von den Darstellern sehr unterschiedlich bewältigt werden. Großartig ist der Beginn. Daniel Sträßer, der im Vorjahr als toller Romeo am Burgtheater debütierte, überzeugt auch als jugendlicher Harry. Er ist bei Pflegemutter Frieda (Elisabeth Orth) aufgewachsen. Wo er zuvor war, weiß man nicht, nur, dass ihn Ökologie umtreibt, dass er unter einem Unfall leidet, bei dem ein Freund ums Leben kam, und dass er ein anderes Pflegekind nicht mag, das längst weg ist. Nun aber heißt es Abschied nehmen, in einer halben Stunde muss er weg, nach Übersee, wahrscheinlich für immer. Was aber die Orth und Sträßer aus dieser halben Stunde machen, ist große Kunst. Zart und herb, enttäuscht und doch voller Hoffnung ist dieses Zwiegespräch. Unter dem Mütterlichen liegt auch große Härte, während es bei dem Jüngling, der ins Fremde zieht, nicht klar ist, ob er damit auch die Vergangenheit ablegen kann. Die Neurosen zeigen sich, wenn Harry am Handy fummelt, wenn am Ende vergeblich Nähe versucht wird. Fremd zieh ich wieder aus. Was wissen wir schon von der Zukunft? Wird auch Frieda wegziehen, wenn dann die dritte Startbahn gebaut wird? Der Lärm der Jets überdeckt alles, schließlich ist es dunkel.

Ganz anders legen Andrea Clausen und Peter Knaack die zweite Szene an, hart an der Karikatur. Das kann man vertreten. Lisa ist eine Polizistin bei der Sitte, die drogensüchtig war und bei Pornos mitmachte. Nun trifft sie sich mit dem viel jüngeren Mark für harten Sex. Das Sadomaso-Detail weiß er noch gar nicht. Damenhaft erzählt Lisa ihm ihre Geschichte, kippt immer mehr ins Hysterische. Während sie von Sperma und Heroin spricht, stopft er Nüsse in sich rein. Sie erwähnt Wastwater. Dort hat ihr Vater sie einst erschreckt: Das Wasser sei ruhig, aber in der Tiefe lägen viele Leichen. Lisa bittet Mark, sie zu schlagen. Er schlägt zu. Was wissen wir von den beiden? Er wird bald ein Austauschjahr beginnen. Seine Freundin, die er gerade betrügt, wird zurückbleiben. Mehr wird hier nicht verraten.

Auch Szene drei ist dunkel. Die zierliche, hochschwangere Mavie Hörbiger gibt ein Punkmädchen: Sian verkauft Jonathan ein von den Philippinen geschmuggeltes Kind. Ist er ein grauer Pädophiler oder doch ein Verzweifelter, der mit allen Mitteln eine Adoption will? Tilo Nest spielt die kranke Frustration präzis. Hörbiger aber nimmt man das sadistische, prollige Girlie, das einen absurden Fragebogen abarbeitet, nicht immer ab. Der Dialog ist allzu plakativ inszeniert. Aber als Sian schließlich dem auf dem Boden Knienden, ehe das kleine Mädchen geliefert wird, die Pistole an die Stirn hält, die Mündung in den Mund steckt, ist sie in ihrer Kälte wirklich böse. Jetzt wird es knallen! Ja? Nein. Still ist dieser See voll armer Seelen.

Theaterhit aus London

„Wastwater“ von Simon Stephens (*1971), 2011 als Koproduktion mit den Wiener Festwochen durch Katie Mitchell am Royal Court Theatre in London uraufgeführt, wurde von Barbara Christ ins Deutsche übersetzt.

Deutschsprachige Erstaufführung im Akademietheater. Regie: Stephan Kimmig. Bühnenbild: Anne Ehrlich, Kostüme: Anja Rabes. 6., 12., 20.Mai, 6., 10., 14., 29.Juni

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.burgtheater.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2012)

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