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Lebensunwertes Leben: Zwangssterilisiert. Gequält. Vernichtet.

Die Euthanasie an behinderten Menschen gehört tabulos aufgearbeitet: sei es in Wien, Tirol oder bei der pränatalen Rasterfahndung.

Als ich vor einigen Jahren Schloss Hartheim besuchte und mit meinem Rollstuhl durch die Gaskammern rollte, in der 30.000 behinderte und pflegebedürftige Menschen getötet worden waren, lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Ich habe das Glück des Spätgeborenen. Heute bin ich Abgeordneter zum Nationalrat, damals wäre ich als „unwertes Leben“ eingestuft und wohl auch getötet worden.

Die Bilanz des NS-Regimes ist schockierend: In Österreich wurden rund 100.000 Menschen aufgrund einer Behinderung als „unwertes Leben“ eingestuft und getötet; davon 800 am Spiegelgrund, die zuvor durch Unterernährung geschwächt, in pseudowissenschaftlichen Forschungen gequält und danach getötet wurden.

In Hartheim wurden im Rahmen der T4-Aktion 30.000 behinderte und pflegebedürftige Menschen als „nicht lebensfähig“ eingestuft und vergast. Bis zu 10.000 Menschen mit Behinderungen wurden auf Basis der Rassenhygiene in Österreich zwangssterilisiert. Viele Fälle sind bis heute ungeklärt. Es ist höchst an der Zeit, dass wir politische Konsequenzen ziehen und nicht länger wegschauen.

 

Der geehrte Gräuelideologe

Drei Maßnahmen sind für mich in dieser Hinsicht unumgänglich: Wien ehrt den ehemaligen sozialdemokratischen Stadtrat und Unterstaatssekretär für Volksgesundheit mit einem eigenen Platz. Unter den Teppich gekehrt bleibt die Rolle Julius Tandlers als Wegbereiter der NS-Massenvernichtung an „lebensunwertem Leben“.

In einer Rede im Februar 1923 und in einem in der „Wiener Medizinischen Wochenschau“ vom 19.Jänner 1924 abgedruckten Vortrag stellte Tandler die Forderung nach der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Überdies war er ein Theoretiker der „Aufzuchtsoptimierung“ als Hauptgewicht sozialer Bevölkerungspolitik. Ich fordere die Stadt Wien auf, den Julius-Tandler-Platz als Mahn- und Gedenkstätte umzugestalten. Eine Historikerkommission soll eingesetzt werden, um das Gesamtbild von Julius Tandler ohne politische Tabus zu beleuchten und Konsequenzen zu ziehen, etwa in Form einer Gedenktafel, auf der die Gräuelideologien des Namensgebers dargelegt werden.

 

Röntgenstrahlen gegen Jähzorn

Bekannt wurden vor Kurzem die vom Nationalsozialismus und falsch ausgelegten Katholizismus beeinflussten menschenunwürdigen Praktiken von Prof. Maria Nowak-Vogl. Durch ihre Diagnosen brachte sie viele Kinder in die Heimunterbringung, wo sie absurde Therapien anwandte.

Jungen Mädchen spritzte sie bis Ende der 1970er-Jahre Epiphysan – ein Mittel aus der Veterinärmedizin zur Ruhigstellung von Kühen. Sie dokumentierte einen Fall, in dem sie einen fünfjährigen Buben mittels mehrmaliger Röntgenbestrahlung gegen Jähzorn behandelte. Bis 1987 war sie Heimleiterin in Tirol. 1972 erhielt sie eine außerordentliche Professur. Ich fordere die Universität Innsbruck auf, Frau Nowak-Vogl diese Professur abzuerkennen.

Unerträglich ist für mich die pränatale Rasterfahndung nach Trisomie 21. Es kommen kaum mehr Kinder mit Trisomie 21 zur Welt. Der gesellschaftliche Druck ist so groß, dass im Zuge von Spätabtreibungen bis knapp vor der Geburt voll entwickelte behinderte Föten im Mutterleib durch einen Herzstich getötet werden.

Hier braucht es dringend eine Bedenkfrist zwischen Diagnose und Abtreibung und die Beurteilung durch eine Ethikkommission, aber auch eine verpflichtende Beratung für werdende Mütter und Väter, um die Lebensperspektiven und die Lebenssituationen behinderter Menschen kennenzulernen.

Dr. Franz-Joseph Huainigg (*16. 6. 1966) ist Nationalratsabgeordneter und Behindertensprecher der ÖVP.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2012)