Der Fluch von Texten unterm Strich ist, dass sie nicht gelesen werden, wenn darüber ganz Gescheites steht. Außer man kündet an, dass hier eine Tier-Kolumne beginnt.
Am Freitag nach eins trete ich für gewöhnlich beherzt an meinen Schreibtisch, auf dem ich bereits am Mittwoch vorsorglich eine knallgelbe Post-it-Notiz platziert habe. Darauf steht: „Jetzt bitte nicht an Peter Strasser denken!“ Der Zettel ist schon ganz vergilbt, er stammt aus der Urzeit der Kolumne „Die vorletzten Dinge“ und wurde aus bloßem Selbstschutz geschrieben. Denn es ist reines Gift für mich, wenn ich vor dem Verfassen meiner ganz persönlichen Gedanken von anderen Kolumnen, besonders von den komplexen, abgelenkt werde. Da meide ich auch den Telemax und die Metaware.
Statt mich um das aktuelle Weltgeschehen zu kümmern, gegen das ein Antidot gebraut werden soll, bin ich sonst stundenlang damit beschäftigt, in abgegriffenen Tierleben wie dem Brehm oder dem Grzimek nachzulesen, was den Vollmops vom Halb- oder gar vom ganz gemeinen Mimikry-Mops unterscheidet, der eigentlich ein Zwerg-Flusspferd ist, das die gleichen Süßigkeiten schätzt wie alle Redakteure des Gegengifts.
Jetzt ist auch die Gelegenheit für ein peinliches Geständnis: Jahrelang habe ich geglaubt, dass Professor Strasser mich meint, wenn er hier bei uns den Trottel zitiert, nur weil er immer so freundlich ist, wenn wir zuweilen telefonieren. Die Rollenverteilung ist klar: er der Mephisto, ich der Schüler, dem es beim Ferngespräch oder der Lektüre ganz schwindlig im Kopfe wird. Aber seit ich erfahren habe, dass sich auch renommierte Philosophen einer Exzellenz-Universität in Neuengland, die jeden Mittwoch die letzten „vorletzten Dinge“, sobald sie online gestellt wurden, in einem exklusiven Diskussionsforum rezipieren und auszulegen versuchen, für Strassers Jünger halten, bin ich beruhigt. Auch andere Menschen träumen also von begehbaren Medikamentenschränken.
Diesmal aber habe ich am Mittwoch eine lindgrüne Post-it-Notiz auf meinen Schreibtisch gelegt, die ich jetzt sorgsam studiere. Ich lese einen beinahe widerspruchsfreien Satz: „Jetzt bitte nicht an Peter Strasser oder Konrad Paul Liessmann denken!“ steht darauf. Das fällt mir einigermaßen leicht, weil ich sofort darüber nachdenke, ob ich „oder“ entweder zwingend ausschließend oder ausschließlich einschließend verwendet habe. Beides zugleich geht wohl wirklich nicht. Oder soll ich doch lieber in der Wissenschaftsredaktion nachfragen, was zuerst da war: Die Philosophie oder ihr Propädeutikum? Ich finde, an derartige Dinge an sich kann man vorletzten Endes nur pragmatisiert herangehen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2012)