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„... und morgen ist die Nacht vorbei“: Liebe, die etwas will

Es geht immer um die Frage: wozu? Mein Einsatz, mein Engagement verfolgen ein Ziel. Was will ich erreichen?

Lebensfroh, dynamisch und liebevoll verabschiedete er sich von seiner Frau – zum Sport. Reanimiert nach achtzehn Minuten, im Koma auf der Intensivstation liegend fand sie ihn wieder – Herzstillstand. Realistische Einschätzung der Ärzte oder die Antwort der Liebe, das war jetzt die Frage.

Die Frau entschied sich für das Zweite. Sie begann mit ihrem Mann zu arbeiten wie mit einem Neugeborenen. Noch während er im Koma lang, fing sie mit Anreizen für die Sinne zur Erinnerung an: Sie spielte ihm seine Lieblingsmusik und Naturgeräusche vor; ließ ihn auf einem Stofftaschentuch Gerüche von Flieder und Vanille riechen; legte ihm Prisen von Salz und Zucker auf die Zunge; gab ihm einen Wattebausch, einen Stein in die Hand; sie massierte seine Fußsohlen, beugte und streckte am Tag hundertmal langsam seine Gelenke.

Als er wieder bei Bewusstsein und zurück im gewohnten Lebensraum war, brachte sie Hilfen zur Orientierung an, „Küche“, „Toilette“, ging klug mit seinen Verwirrtheiten um und reagierte einfühlsam auf seine überraschenden Gefühlsausbrüche.

Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.

Joh 13,1c

Mit einfachen Reimen, mit Gegensatzworten, mit Bild-Wort-Karten, mit Gedächtnis- und Konzentrationsübungen führte sie ihn behutsam zum Wiedererlernen von Sprache, zum Sätzebilden, Telefonieren. In jahrelanger Arbeit brachte sie ihren Mann so weit, dass er in Begleitung ausgehen, im Kaffeehaus die Zeitung lesen und an den Geschehnissen um sich herum wieder teilnehmen konnte. Ihre Liebe hatte ein Ziel: „...und morgen ist die Nacht vorbei.“ Und sie erreichte es.

Das Tun dieser Frau zeigt, wie Jesus die Seinen geliebt hat. Er will aus ihnen etwas machen: eine menschliche Elite, geistige Führungskräfte, die mit ihm Spuren suchen und Spuren legen, wie Gott sich die Welt und die Menschen darin vorstellt. Sie sollen mit ihm lernen, nicht die Welt zu richten, über ihr zu stehen, am allerwenigsten, sie zu verlassen, sondern sie zu retten, Wege zu einem gerechten und friedlichen Miteinander zu finden.

Schritt für Schritt nimmt er sie mit in sein Werk. Er lehrt sie mit seinen Worten, von Gottes Mitgehen und seiner Nähe in Gleichnissen zu erzählen. Er überträgt ihnen seine Energie zu heilsamem Verhalten. Er nimmt ihre Fragen ernst, erträgt ihre Langsamkeit, Angst und Feigheit.

Jetzt, am Ende seines Lebens, kommt seine Liebe zur Vollendung. „Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.“ Er wird ihnen die Füße waschen, damit sie fortan ohne ihn gehen lernen. Er hat sein Ziel erreicht.

Ob die Liebe zur Natur, zu den Tieren, zur Bibel, zu einem Menschen – immer geht es um die Frage: wozu? Jedes Engagement, jeder Einsatz verfolgt ein Ziel. Was will ich mit meiner Liebe?

Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2012)