Direktor Herbert Föttinger inszeniert den Monolog „Endlich Schluss“ mit Komödiant Alexander Pschill – der auch im tragischen Fach überzeugt.
Die 1990er-Jahre waren für Peter Turrini sehr entscheidend. Aus dem bereits erfolgreichen Autor von Volksstücken – die freilich als ziemlich derb verschrien waren – wurde ein Burgtheater-Dichter, dessen Dramen der damalige Burg-Chef Claus Peymann selbst inszenierte („Alpenglühen“, „Die Schlacht um Wien“). Es rumorte reichlich und gab Skandale („Tod und Teufel“), der heutige Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann brachte 1993 die Elegie „Grillparzer im Pornoladen“ heraus.
2000 eröffnete Hartmann mit einer Variation von Turrinis „Endlich Schluss“ unter dem Titel „Die Eröffnung“ seine erste Saison als Intendant in Bochum mit Michael Maertens als Protagonist, die Rolle befeuerte den Ruhm des heutigen Burgschauspielers. Die Uraufführung von „Endlich Schluss“ hatte bereits 1997 Peymann im Akademietheater mit Gert Voss herausgebracht. Seine Theaterliaison setzt Turrini seit einigen Jahren in der Josefstadt fort. „Mein Nestroy“ mit Karl Markovics unter der Regie von Herbert Föttinger war der Clou dieser Kooperation.
Selbstreflexion eines Dichters
Der Glamour der Burg-Zeit wurde nicht mehr erreicht, aber es ist gut, einen Dichter mit einer echten „Theaterpratzen“ zu haben. Der Turrini-Stücke-Konzern macht kommende Saison aber auch im Volkstheater Station – wo „Der Riese vom Steinfeld“, 2002 in der Wiener Staatsoper uraufgeführt, herauskommt. Welcher Jungautor darf sich derart nachhaltiger Präsenz erfreuen?
„Endlich Schluss“ (im Original: Schluß), seit Donnerstag in Föttingers Regie im Theater in der Josefstadt zu sehen, wurde teilweise neu geschrieben. Aus dem Manager und Icherzähler wurde ein Journalist. 1997 wählte Gerhard Praschak, einer der Vorstandsdirektoren der Österreichischen Kontrollbank, den Freitod, vermutlich wegen politischen Einflusses im Bankenbereich. Da traf Turrinis Stück einen Nerv der Zeit.
Die Fallhöhe von Voss und Maertens zu Alexander Pschill ist geringer als man erwarten würde: Pschill, zuletzt vorwiegend als teils begnadeter Komödiant in den Kammerspielen („Ladies Night“) zu erleben, nimmt seinen Versuch im tragischen Fach mächtig ernst. Er spielt sich wahrlich die Seele aus dem Leib.
Föttinger gestattet keine ironische oder humorvolle Note, die dem Text wohl innewohnt, wenn man liest, wie der hypochondrische Egomane die Todesarten bekannter Dichter von Büchner bis Kafka durchspielt oder beim städtischen Bürgerservice Informationen über das Sterben verlangt. In diesem etwa neunzig Minuten langen Monolog ohne Pause hört man immer wieder des Autors wuchtige Selbsterklärung durch. Rhetorisch am schwächsten, weil sehr schematisch, ist die Medienkritik, grobschlächtig wirken Bemerkungen über den Kindesmissbrauch in der Kirche. Es gibt aber auch wunderbare Passagen: der Bub/Mann, der sich bei einem lang dauernden Spitalsaufenthalt in seine Fantasien flüchtet, Mafia-Boss, Revolutionär, Papst, „Skiflugweltmeister“ und Liebhaber von Südseemädchen unter Palmen, das alles gleichzeitig sein möchte.
Auch die Zeichnung eines Haderlumpen, der zuerst seine Frau betrügt und sie dann mit detaillierten Schilderungen seiner Abenteuer fertigmacht, ist sehr gelungen. Das Stück macht vor allem die Schattenseiten des Erfolgs deutlich, die permanente öffentliche Aufmerksamkeit und die Maske, hinter der der wahre Mensch immer mehr verschwindet, bis er nicht mehr weiß, was von ihm Maske, was echt ist. Das Bühnenbild baute der jüngst verstorbene Rolf Langenfass. Es ist fast unheimlich, diesen düsteren Raum, das ehemalige Kinderzimmer des Journalisten, zu betrachten: Erinnerungsmüll, Fotos. Schaukelpferde tanzen an einer grünen Wand, während ein Mensch in immer größerer äußerer und innerer Düsternis dem Tod entgegengeht: Erst schaut das Tageslicht herein, dann verklebt der Protagonist das Fenster, eine nackte Glühbirne leuchtet, dann ist es vollständig finster.
Die Lichtspiele, in denen Pschill – anfangs noch zungenfertiger Selbstdarsteller, dann immer mehr unkenntlich werdender Schmerzensmann – sein Leben Revue passieren lässt, sind ein Trumpf der Aufführung. Man kann sich trotzdem schwer vorstellen, dass sie den Abonnenten gefällt, aufbauend ist sie keinesfalls. So gesehen war Föttinger mutig, dass er das Stück angesetzt hat. Der Premierenapplaus klang recht begeistert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2012)