Im Landestheater Niederösterreich entpuppt sich „Schmeiß dein Ego weg!“ als prächtig-kurzweilige Show mit Margit Carstensen, Martin Wuttke, Christine Groß.
Der deutsche Regisseur und Autor René Pollesch versteht es, in lichten Momenten fundamentale Fragen zu stellen. Woher kommen wir? Was sind wir? Und warum steht hier mitten auf der Bühne des Landestheaters Niederösterreich eine Wand, die die Schauspieler vom Publikum abtrennt? Sie ist aus Holz, Lautsprecher und Leuchter mit elektrischen Kerzen sind darauf montiert (Bühne/Kostüme: Bert Neumann). Die Bretter sind schon da, als 15 Minuten vor Beginn die Zuseher zum Gastspiel der Berliner Volksbühne in St. Pölten eingelassen werden. Zur Besänftigung gibt es gut 30 Jahre alte Popmusik, die später hochromantisch wird. „Is anybody out there?“ Ja, natürlich! Das ist die berühmte „vierte Wand“ des Theaters, sonst illusionär, hier aber ziemlich real. Schon hört man Martin Wuttke, Margit Carstensen und Christine Groß als Vermittlerin reden. Hinter der Wand beginnt das zauberhafte Stück „Schmeiß dein Ego weg!“ Vorn ist ein Bildschirm im kitschigen Oval angebracht, auf dem man das Geschehen dahinter sieht. Worum geht es? Der Herr in blaugelber Uniform mit goldenen Epauletten wurde eben nach 200 Jahren wieder aufgetaut. Das erinnert an Woody Allens Film „The Sleeper“, und Wuttke redet auch wie der perfekte Stadtneurotiker. Er macht Miss Peterson (Carstensen im glänzenden Kleid) Liebeserklärungen, zugleich wird die Wand thematisiert, sie wird zuerst rhetorisch, dann real durchstoßen.
Zappelig nach dem großen Schlaf
Oh Wand! Was sagst du uns über den Körper und die Seele? Was davon ist drinnen und was draußen? Die nächste Stunde, die vor Ideen sprüht, wird von den Darstellern und einem Chor in weißen Trikots dazu benutzt, sich in der Welt zurechtzufinden. Es gelingt diesem Ensemble eine prächtige Show: Pollesch in Hochform, in konzentrierter Form, eine Ohrenweide, ein Augenschmaus – oder so, denn die Begriffe, die er sich auch von Nachdenkern wie Jean-Luc Nancy ausborgt, sie verändern sich ständig, sind stets in Metamorphose.
Ideale Bedingungen für den Diskurs über Leib- und Seelenprobleme: Wuttke (was zappelt der so?) ist Körper, Miss Peterson scheint als Phänomen Carstensen eine platonische Idee zu verkörpern, aber sie kann auch die Form eines Chors annehmen, in dessen Mitte der erwachte Schläfer aufwacht und sich reckt. Oder sie wird mit Frau Groß verwechselt.
Dieses musikalisch umrahmte Spiel ist geistreich. Aber wohin gehen wir? Nach innen oder außen? Das Trio schwimmt erst einmal hinten in einem Aquarium mit exotischen Fischen, die man vorn im Bullauge sieht. Schließlich erklärt sich Carstensen: Sie kratze bis zum Schluss am Geliebten. Das also ist die Liebe. Und sie endet mit dem Satz: „Die Sprache suchen die...“ Nur im Reden entsteht hier die Transzendenz des Ego.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2012)