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Medienbranche: „Wenn kein Journalist anecken will, wird es eng“

(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
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Österreichs Medienbranche analysierte beim „Tag des Qualitätsjournalismus“ den eigenen Gesundheitszustand. Der Tenor: Der ökonomische Druck wächst, die Lage ist aber nicht aussichtslos.

Wie groß die Verpflichtung gegenüber den Eigentümern manchmal sein kann, zeigten am Freitag „Kurier“-Chef Helmut Brandstätter und „Profil“-Herausgeber Christian Rainer. Beide mussten das Podium bei dem vom Verlegerverband VÖZ und Manstein Verlag organisierten „Tag des Qualitätsjournalismus“ früher verlassen als geplant – um pünktlich die Verabschiedung von Christian Konrad als Generalanwalt der Raiffeisen und damit Miteigentümer von „Kurier“ und „Profil“ zu erreichen. Ein Akt der Höflichkeit gegenüber Konrad, aber auch willkommener Anlass, um über den Einfluss von Eigentümern auf die Berichterstattung zu fragen.

Christian Rainer nannte „die Eigentümerpflege“ eine der „Hauptaufgaben“ eines Medienmachers, darunter verstehe er, „eine offene inhaltliche Auseinandersetzung“; die sei mit jemandem wie Konrad notwendig und machbar, „und man kann sie auch überleben“. Kollege Brandstätter sagte, beim „Kurier“ gebe es keine Anrufe vom Eigentümer, und betonte: „Ich wünsche allen so viel Unabhängigkeit, wie ich sie habe.“ Wolfram Weimer („Cicero“-Gründungsmitglied) übte in seinem Impulsvortrag Kritik am „rapiden Glaubwürdigkeitsverlust der Medien“ und kritisierte den fehlenden Mut zur Meinung: „Wenn keiner mehr anecken will, wird es gedanklich ziemlich eng.“ So schlecht wie Weimer es darstellte, gehe es der Branche in Österreich nicht, sagte „Standard“-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid. Auch weil zuletzt Selbstkontrollorgane wie der Presserat reaktiviert wurden und der Ethikrat aktiver auftrat. Säumig sei Österreich aber bei der Umsetzung der EU-Richtlinie zur Finanzberichterstattung, die von Journalisten die Offenlegung ihrer Aktienanteile verlangt. Wichtig fände sie auch, dass sich die Branche „selbst klare Regeln bei Einladungen etc.“ gebe. Die größte Gefahr für die Qualität im Journalismus sei derzeit, so Matthias Karmasin (Uni Klagenfurt), „der ökonomische Druck“, wie eine Umfrage in 17 Ländern und unter 2500 Journalisten ergeben habe.

In einer zweiten Diskussion wurden sich die Podiumsteilnehmer nicht einig, was Qualität oder „Public Value“ bedeutet. Für Nationalbank-Chef Claus Raidl ist Public Value bloß dazu da „um Defizite zu rechtfertigen“, „Presse“-Chefredakteur Michael Fleischhacker warnte davor, dass einige „happy few“ darüber entscheiden, worin Public Value besteht, „denn das ist meistens das, was man selbst gut findet“. Für Andreas Koller („Salzburger Nachrichten“) rührt die Tatsache, dass sich Zeitungen bisher weniger mit dem „Public Value“-Begriff auseinandergesetzt haben als etwa der ORF, „daher, dass es in den Zeitungen relativ wenig Zeit zum Theoretisieren gibt“.

Verlegerpräsident Hans Gasser nützte die Veranstaltung, um erneut eine Aufstockung der staatlichen Presseförderung und die Einführung eines Leistungsschutzrechts zu fordern. Im ersten Punkt stimmten ihm nicht alle Medienmacher zu, vor allem Michael Fleischhacker widersprach heftig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2012)