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Tom Clancy: Der alte Krieger wird nicht müde

alte Krieger wird nicht
(c) EPA (Andrew Gombert)
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Mit 65 hat Tom Clancy nichts von seiner Unbeugsamkeit eingebüßt. Das beweist er mit »Gegen alle Feinde«, in dem er es mit mexikanischen Drogenbaronen und den Taliban aufnimmt.

In den düster-dümmlichen Weiten des Netzes finden sich feine, schlaue Verschwörungstheorien. Auch über den Autor Tom Clancy. Den Mann, so heißt es etwa, gäbe es gar nicht, der Name sei vielmehr das Pseudonym einer ganzen CIA-Abteilung, die gegen Kommunisten, Islamisten und alle anderen, immer wieder wechselnden Feinde der USA schreibe. Ein paar Klicks weiter, und es ist zu lesen, dass eigentlich der US-Auslandsgeheimdienst hinter dem Massaker von Utøya und der Atomkatastrophe von Fukushima stecke. Aber egal.

Denn tatsächlich hätte die CIA (oder irgendeine andere US-Organisation mit Hang zur Propaganda) Tom Clancy erfinden müssen, hätte der nicht zu schreiben begonnen. Keinem anderen Autor gelingt es so konsequent und unterhaltsam, seine Kernbotschaft millionenfach unters Volk zu bringen: Der American Way of Life ist in Gefahr und muss mit allen Mitteln beschützt werden.

Diesem Thema bleibt Clancy auch in seinem jüngsten, gerade auf Deutsch erschienenen Roman treu: „Gegen alle Feinde“ stellt seinen neuen Helden, Ex-Navy-Seal Max Moore, vor. Und der bekommt es gleich mit allem zu tun, was auf der amerikanischen Albtraum-Skala ganz oben rangiert: von mexikanischen Drogenbossen bis zu den Taliban.

Subtilität ist nicht sein Ding. Clancy verfasste unzählige Thriller, in denen US-Präsidenten, Agenten und Beamte gegen die Terroristen der Welt antreten. Die häufig schon ergrauten Helden sind dabei fast immer erfolgreich, müssen viel einstecken und kennen wenig Differenzierung. Diese schätzt Clancy, der dieser Tage seinen 65. Geburtstag feiert, ebenso wenig wie übertriebene Subtilität. Kritiker und Autorenkollegen rümpfen über Clancys Werke naturgemäß die Nase, in die Kulturteile der Zeitungen schafft er es eher selten. Und wenn, dann nur als warnendes Beispiel.

Der Mann liebt „die Truppe“, obwohl er einst für nicht tauglich erklärt wurde. Ende der 1990er lernte er tatsächlich einen (halben) Republikaner der ersten Reihe kennen: US-Außenminister Colin Powell. Nach den Anschlägen vom 11. September soll Clancy übrigens als einer von vielen Beratern der US-Regierung angeheuert worden sein, er hatte in „Ehrenschuld“ ein ähnliches Szenario skizziert. Seine exzellenten Kontakte zu Geheimdienst und Militär sorgen für die hohe Authentizität seiner detailreichen Schilderungen der Nachrichtendienste.

Der Mann, der Jack Ryan schuf. Wichtigste Figur in Clancys Büchern ist Jack Ryan, zweifacher Familienvater, ursprünglich Marine-Historiker, der später aus Loyalität zur Heimat in den Dienst der „Firma“ wechselt und am Schluss sogar ins Weiße Haus einzieht. Die Verfilmungen mit Harrison Ford machten Clancy endgültig zum Thriller-Erfolgsgaranten. Ryan, der im Gegensatz zur echten US-Politik niemals angreift, sondern nur verteidigt, wurde zu seinem künstlerischen Prototyp.

Für die Romanfigur geht es dann ins Oval Office: In „Befehl von oben“ wird Ryan tatsächlich Präsident der Vereinigten Staaten. Im Dezember 2010 erschien „Dead or Alive“, in dem Jack Ryan Junior auftritt – unter anderem mit deutlich europakritischen Tönen. Bei Clancys gutem Sensorium darf man davon ausgehen, dass viele in den USA so denken. Clancy steht für die USA der Reagans und der Bushs: Es geht um den Kampf für Werte, völlig freie Marktwirtschaft, Familie und christlichen Glauben. Mit Obama, EU und staatlichen Gesundheitssystemen kann er nichts anfangen. Aber Räuberplots kann er sich ausdenken.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2012)