Der Ort Hallstatt zeugt von der 7000-jährigen Anwesenheit des Menschen in den Alpen. Die Forschung brachte schon reichen Ertrag, nun wird ein neues Kapitel aufgeschlagen.
Seit der Mensch die Erde besiedelt, beeinflusst er die Natur und gestaltet sie um. Dieser Prozess kann an kaum einem anderen Ort der Welt besser studiert werden als in Hallstatt: Eingezwickt zwischen Berg und See leben seit rund 7000 Jahren Menschen – angelockt von dem Salzvorkommen, das für die prähistorischen Menschen lebenswichtig war, und zudem durch internationalen Handel Reichtum ermöglichte. Schon bald nach der Entdeckung der ersten Gräberfelder 1846 wurde die Stätte berühmt. Die Funde waren so reich, dass eine ganze Menschheitsepoche nach dem Ort benannt wurden – die Hallstattzeit (800 bis 400 v. Chr.).
Im Salz wurden Gegenstände konserviert, von denen Archäologen sonst nur träumen – etwa die älteste Holzstiege der Welt. Auch uralte Textilien, wie man sie sonst nur aus dem heißen Wüstensand Ägyptens kennt, blieben erhalten – über deren Verarbeitung und Färbung kann man sich derzeit im Naturhistorischen Museum (NHM) in Wien, das seit 1960 den Ort erforscht, informieren.
Besonders interessant sind die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur – Bergbau ist ja stets mit riesigen Eingriffen in die Natur verbunden. Durch menschliche Aktivität verändern sich z.B. die Vegetation, das Kleinklima oder die Stabilität der Hänge – und das hat wiederum direkte Auswirkungen auf die Lebensbedingungen der Menschen. In der Erforschung dieser Zusammenhänge wird kommende Woche ein neues Kapitel aufgeschlagen: Am Montag startet eine internationale Forschergruppe mit einer Seekernbohrung – unter ihnen Experten des NHM, der Akademie der Wissenschaften (ÖAW), des Deutschen Geoforschungszentrums Potsdam und der Uni für Bodenkultur.
Seen sind „Sedimentfallen“: Pflanzenreste, Insekten oder Gesteine gelangen in das Wasser und sinken zu Boden. Die Sedimente sind damit ein natürliches Archiv. Die Korngrößenverteilung z.B. sagt etwas über Transportvorgänge aus, geochemische Untersuchungen geben Aufschluss über die Herkunft der Gesteine (etwa Bergbau oder Bergrutsche) und den Sauerstoff- und Nährstoffgehalt des Wassers. Pollenanalysen geben Aufschluss über Veränderungen der Vegetation, daraus kann man auf Temperaturschwankungen rückschließen.
Die Forscher erwarten sich reiche neue Erkenntnisse, die der auch jetzt schon faszinierenden Geschichte des Weltkulturerbes Hallstatt sicherlich neue Facetten hinzufügen werden.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2012)