Eine Innensicht der russischen Besatzung Ostösterreichs zwischen 1945 und 1955 zeigt die Grazer Historikerin Barbara Stelzl-Marx in ihrem opulenten Werk "Stalins Soldaten in Österreich".
Man schrieb den 29. März 1945, als die ersten sowjetischen Truppen österreichisches Staatsgebiet betraten. Binnen wenigen Wochen sollten es rund 400.000 Rotarmisten werden, die die östlichen Regionen Österreichs besetzten. Die Sowjetarmee blieb zehn Jahre lang die stärkste Macht im Land – auch wenn sie sich bis 1955 auf 40.000 Soldaten verkleinerte. Auf einen sowjetischen Soldaten kamen statistisch 15 (Ost-)Österreicher. Zum Vergleich: Im britischen Sektor lag das Verhältnis bei eins zu 83, im US-Sektor bei eins zu 79.
Im kollektiven Gedächtnis Österreichs ist vor allem die sowjetische Besatzung tief verankert – meist mit negativem Beigeschmack. Die Erinnerungen an Plünderungen, alkoholisierte „Russen“, Vergewaltigungen etc. füllen ganze Bibliotheken.
Feindliche Umwelt. Über die andere Seite – die sowjetische Sichtweise auf diese Zeit – ist indes kaum etwas bekannt. Dieser Forschungslücke nahm sich Barbara Stelzl-Marx, stellvertretende Leiterin des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung an der Uni Graz, an. Ihr am Freitag präsentiertes Buch „Stalins Soldaten in Österreich“ ist ein vielschichtiger Blick in die „Innensicht der sowjetischen Besatzung“, wie es im Untertitel heißt.
Die Soldaten kamen, so dachten sie, als Befreier und nicht als Eroberer. Sie verstanden nicht, dass sie von der Bevölkerung nicht mit offenen Armen begrüßt wurden, sie stießen im Gegenteil auf eine feindlich eingestellte Umwelt. Der Aufbau einer halbwegs funktionierenden Verwaltung stellte die Sowjets vor größte Schwierigkeiten – nicht zuletzt, weil es an allen Ecken und Enden an geeignetem Kaderpersonal mangelte. Ähnliches galt beim Aufbau des sowjetischen Wirtschaftsimperiums in Österreich.
Stelzl-Marx stellt bei allen sowjetischen Aktivitäten ein übergeordnetes Motiv in den Vordergrund: Alles war politisch durchdrungen. „Die rote Armee war eine politische Armee“, so die Historikerin. Nicht weniger als vier Geheimdienste sollten die Einhaltung der politisch-ideologischen Vorgaben sichern. Diese beobachteten das Geschehen mit Argusaugen und unterzogen die Soldaten gezielten politisch-moralischen Schulungen.
Für viele Rotarmisten sei der Einsatz in Österreich die beinahe einzigartige Möglichkeit gewesen, über den Tellerrand des sowjetischen Imperiums hinauszusehen und ein westliches Land kennenzulernen, so Stelzl-Marx. Sie hat in bisher nicht ausgewerteten Moskauer Archiven und 60 Interviews mit russischen Zeitzeugen erhoben, wie die Soldaten die Jahre zwischen 1945 und 1955 in Österreich erlebten.
Die Befürchtung der kommunistischen Machthaber, beim Vergleich der beiden Systeme schlecht abzuschneiden, bestanden jedenfalls völlig zu Recht. Viele der Soldaten erlitten, so die Forscherin, einen „tief gehenden Kulturschock“. Sie erinnern sich bis heute an saubere Straßen, an schöne Bettwäsche und Kleider, sogar an die Stromversorgung. „Zwei Jahre haben wir kein elektrisches Licht gesehen, und hier brennt das Licht, als ob es keinen Krieg gibt“, erinnert sich ein ehemaliger Soldat. Und ein anderer sagte: „Ich sah zum ersten Mal in meinem Leben einen Staubsauger.“
Aktenkundig ist der Fall des Leutnants Michail M. Žil'cov. „Hier gibt es Lüster, luxuriöse Häuser, Kleidung, während meine Familie Hunger leidet und nichts zum Anziehen hat“, sagte er zu Kollegen im Offizierskasino. Und er klagte, dass die Sowjetunion Europa niemals „ein- und überholen“ würde. Das bekam ihm gar nicht gut: Er wurde aus Armee und Partei entlassen und in die Sowjetunion zurückgeschickt. Die Überlegenheit des Kommunismus durfte nicht infrage gestellt werden. „Dabei machte man nicht die tatsächlichen wirtschaftlichen Probleme der sowjetischen Nachkriegswirtschaft für etwaige Zweifel am System verantwortlich, sondern die angebliche ideologische und politische Wankelmütigkeit des Betroffenen“, so Stelzl-Marx.
Sex und Sauferei. Um „einzelne moralisch instabile Soldaten“, so die Diktion in offiziellen Berichten, nicht in Versuchung zu führen, wurden die möglichen Berührungspunkte mit der örtlichen Bevölkerung minimiert – etwa durch eine Kasernierung der Truppen und eine straffe Organisation des Tagesablaufs. Kontakte zum „Westen“ waren aber trotz aller Vorschriften nicht zu verhindern. Sie äußerten sich in vielerlei Hinsicht. Auch in negativer, wie etwa bei Plünderungen, die an der Tagesordnung waren. Viele sowjetische Soldaten fühlten sich dazu berechtigt, weil sie offiziell das Recht hatten, Pakete in ihrer Heimat zu schicken – fünf Kilogramm pro Monat. Sprichwörtlich war die Uhrenliebe – während des Krieges besaß selbst ein Großteil der Offiziere keine Uhr.
Eine ganz andere Dimension hatten sexuelle Kontakte. Die genaue Zahl von Vergewaltigungen wird immer unbekannt bleiben, da viele nicht angezeigt wurden. Schätzungen zufolge gab es in der Besatzungszeit österreichweit zumindest 270.000 sexuelle Übergriffe – betroffen waren sechs bis sieben Prozent der weiblichen Bevölkerung. In den russischen Akten sind Berichte darüber äußerst spärlich, und praktisch überhaupt keine Angaben gibt es über homosexuelle Vergewaltigungen.
Es gab aber auch viele Liebesbeziehungen zwischen Soldaten und Österreicherinnen. Geschlechtsverkehr war nicht verboten, wurde aber als „politisch verwerflich“ eingestuft. In der Praxis tolerierte man eine Beziehung, solange sie diskret blieb. Aber sofort nach der Bekanntgabe einer Schwangerschaft oder eines Heiratswunsches wurde der Soldat versetzt oder gleich in die Sowjetunion zurückgeschickt. „Ein Happy End war daher so gut wie ausgeschlossen“, so Stelzl-Marx.
Die Folge der sexuellen Kontakte sind mindestens 20.000 „Besatzungskinder“, die ohne Vater aufwuchsen und – mit dem Schimpfwort „Russenkind“ bedacht – gesellschaftlichen Anfeindungen ausgesetzt waren. Auch die Väter hatten keine Chance, ihre Kinder kennenzulernen (sofern sie überhaupt von ihnen wussten), bis heute suchen viele Kinder und Väter nach ihren Verwandten.
In den offiziellen Berichten und den Erinnerungen der Zeitzeugen ist von Plünderungen immer wieder die Rede – aber kaum von Vergewaltigungen. Und das Thema „Besatzungskinder“ ist bis heute tabuisiert, viele Archivmaterialien in Moskau sind weiterhin unter Verschluss. Eine wichtige Ursache für alle „amoralischen Erscheinungen“ kannte man – auch wenn dies nur am Rande in die offiziellen Berichte Eingang fand: „Die Grundlage beinahe sämtlicher Verbrechen bilden Saufereien und Verbindungen zu einheimischen Frauen, mit allen damit einhergehenden Folgen“, heißt es in einem Geheimdienstbericht von April 1946.
Wiener Walzer. Die Armeeführung ging gegen Verfehlungen strikt vor: Allen war bewusst, dass dadurch die Autorität der Sowjetunion auf dem Spiel stand – und damit auch das politische Ziel, die Überlegenheit des Kommunismus zu demonstrieren. „Jedes Vergehen hatte eine politische Tragweite“, so die Historikerin. Trunksucht wurde mit einigen Tagen Arrest bestraft, drakonische Strafen gab es erst bei wiederholten Vorfällen. „Die erlassenen Verbote stellten jedoch – wie in anderen Bereichen auch – kein wirkliches Hindernis dar“, merkt Stelzl-Marx lapidar an.
Aber auch vielen Besatzern, die sich redlich verhielten, bekam der – unfreiwillige – Kontakt mit dem „Westen“ in der Folge nicht gut: Zurück in ihrer Heimat wurden sie bisweilen zu Bürgern zweiter Klasse. Sie waren vielfach an ihren früheren Arbeitsplätzen unerwünscht, für viele Fachkräfte bedeutete das einen Karriereknick.
Die meisten befragten Sowjet-Veteranen haben positive Erinnerungen an ihre Zeit in Österreich: Wien erschien ihnen als kulturelle Metropole, die Berge faszinierten sie, und die Österreicher seien „freundliche Menschen“ gewesen. Und da wäre noch Johann Strauß: Der Walzerkönig war in der Sowjetunion äußerst populär – ab 1940 wurde der Hollywoodfilm „The Great Waltz“ in den Kinos gezeigt, dieser war auch einer der Lieblingsfilme Stalins.
Einen wesentlichen Bestandteil der sowjetischen Ikonografie von der Befreiung Österreichs stellten denn auch Kranzniederlegungen am Grabmal von Johann Strauß im Wiener Zentralfriedhof dar – dadurch sollte auch das Vorurteil der „sowjetischen Barbarei“ entkräftet werden. Und tausende Soldaten ließen sich mit dem Strauß-Denkmal fotografieren. Zur Erinnerung an eine schöne Zeit.
Zum Buch
Barbara Stelzl-Marx
Stalins Soldaten
in Österreich: Die
Innenansicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
(867 S., 49,80 Euro; Böhlau, Oldenbourg)
Das Buch ist das Ergebnis langjähriger Forschungsarbeit (und Stelzl-Marx' Habilitationsschrift), die vom Wissen-schaftsministerium, der ÖAW und dem FWF gefördert wurde.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2012)