Vestibül: Blutende Herzen auf der Flucht

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Die „Junge Burg“ entzückt am Sonntag im Vestibül in großartigen 90 Minunten mit der österreichischen Erstaufführung von David Greigs „Yellow Moon“. Zwei Neue und zwei Stars glänzen in einem traurigen Märchen.

Geradlinig wie ein Blues aus Mississippi, abschüssig wie ein Roadmovie aus Hollywood ist David Greigs Stück „Gelber Mond“, das am Sonntag im Vestibül seine österreichische Erstaufführung hatte. Die „Junge Burg“ nahm sich in einer schnörkellosen Inszenierung von Peter Raffalt voll heiligem Ernst und großer Spielleidenschaft dieser schlichten zwanzig Szenen des schottischen Dramatikers an. Es sind großartige 90 Minuten, die wieder einmal beweisen, dass es ein kluges Konzept ist, auf der kleinsten Burgtheater-Bühne versierte und angehende Schauspieler in zeitgenössischen Kammerspielen zusammenzuspannen. Hier gibt es diesmal in intimem Rahmen mehr als eine Talentprobe – diesen Nachwuchs wird man wahrscheinlich bald auch im großen Haus öfter sehen.

„Die Ballade von Leila und Lee“ lautet der Untertitel des 2006 uraufgeführten Stückes „Yellow Moon“ (von Barbara Christ ins Deutsche übersetzt), als Ballade wird es auch angekündigt, als die vier Darsteller auf die leere Spielfläche treten. Erst erzählen sie bloß mit verteilten Rollen von einem tristen Milieu, dann beginnen sie zu zeigen, wie der Kleinkriminelle Lee Macalinden (Tino Hillebrand) ins Unglück rennt. Er bringt den Freund der Mutter um (Dirk Nocker und Petra Morzé), vor den Augen der braven, stillen Leila Suleiman (Sophie-Christine Behnke), die er eben überredet hat, mit ihm zu gehen. Nun wird das Rendezvous in der Stadt zur Flucht aufs Land. Die verliebten Teenager sind auf der Suche nach seinem Vater, der die Familie vor zwölf Jahren verlassen hat, als Lee fünf war. Nur Papas Mütze ist Lee geblieben – Anlass für die Tragödie, Symbol für Sehnsucht nach gelungenem Leben: „Mein Dad war nämlich der König von Glasgow.“

Das brave Mädchen ritzt sich die Arme

Hillebrand spielt den Outlaw hoffnungslos im Optimismus, aggressiv durch Minderwertigkeitskomplexe, unsicher in der Zärtlichkeit. Behnke ergänzt ihn durch eine gelungene Mischung aus Verletzlichkeit und Härte. Dieses brave Mädchen, das sich die Armee ritzt, darf endlich einmal ausbrechen aus seiner angeblich heilen Welt (ihre aus Nahost nach Schottland zugewanderten Eltern sind Ärzte). Endlich leben! Leila ist die Beste in der Schule, vom Typ her ideal für diese Reise in ein zartbitteres Abenteuer voller Kälte und märchenhafter Bilder mit blutenden Herzen. Behnke die unlängst im Vestibül in einer flotten „Fledermaus“ erfreulich aufgefallen ist, überzeugt auch diesmal – mit einer ganz konträren Charakterzeichnung.

Gefordert werden die jungen Schauspieler durch zwei hervorragende Kollegen, die das junge Paar unaufdringlich mit ganzen Kräften unterstützen. Morzé spielt nicht nur Lees erbarmungswürdige Mutter, sondern in einer köstlichen Nebenrolle eine Diva, die ganz ohne Requisiten die Freuden des Badens in einem eiskalten schottischen Gewässer und die Gefahren des schnellen Autofahrens in trunkenem Zustand hautnah vermittelt. Nocker wiederum gibt mühelos einen zur Gewalt neigenden Möbelverkäufer und dann wieder einen melancholischen, trunksüchtigen Wildhüter. Man glaubt es kaum, aber dieser bullige Mann und der schmächtige Bub sind sich in gewisser Weise, schicksalhaft, ziemlich ähnlich.

Raffalt hat es wieder einmal sehr gut gemacht. Sein starkes Quartett wird durch den Musiker Matthias Jakisic angenehm ergänzt. Er erzeugt mit elektronischer Geige und diversen technischen Hilfsmitteln Hochlandstimmung, die genau zu dieser traurigen Ballade mit ihrem diffusen Ende passt.

Nächste Termine: 19. und 20. Mai, 20 h.

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