Film: „Strajk – Die Heldin der Arbeit“

Die Mutter Courage der Werftarbeiter. Volker Schlöndorffs etwas plumpe Moritat über den Aufstand in der Danziger Lenin-Werft 1980.

Mit den deutsch-polnischen Beziehungen steht es seit dem Amtsantritt der Kaczyski-Brüder in Warschau bekanntlich nicht zum Besten. Ob das Aufeinanderprallen der Nachbarn beim Handball-WM-Finale am Sonntag geeignet war, sie zu fördern, erscheint fraglich. Auf kultureller Ebene liegen die Dinge anders. Soeben hat Volker Schlöndorff seinen Film Strajk – Die Heldin der Arbeit vorgestellt, eine deutsch-polnische Koproduktion über den Aufstand in der Danziger Lenin-Werft und den Beginn der „Solidarno“-Bewegung, die im März in den Kinos anlaufen wird.

Die Revolte der Werftarbeiter gegen das kommunistische Regime im August 1980 unter der Führung des Elektrikers Lech Walesa läutete die Geburtsstunde des modernen Polen ein – und das Ende des Kommunismus neun Jahre später. Doch im Mittelpunkt von Schlöndorffs Film, den er eher als eine Art Ballade begreift, steht nicht Walesa, sondern die Kranführerin Anna Walentynowicz, vielfach als „Heldin der Arbeit“ ausgezeichnet – eine „heilige Anna der Werften“, wie der Regisseur in Anspielung auf Brecht meint. Tatsächlich kommt der Film als Moritat daher, kristallisiert in der Figur der Agnieszka Walczak, einer einfachen Frau. Katharina Thalbach, profilierte Brecht-Schauspielerin, verkörpert sie als zupackende „Mutter Courage der Revolte“: eine warmherzige, unbeugsame Rädelsführerin, die Walesa und die Solidarno-Führer zum Äußersten treibt. Erst ihre Entlassung gab die Initialzündung für einen Streik, der die Welt verändern sollte. Später wandte sich die tiefgläubige Frau, die Johannes Paul I. glühend verehrte, von der Solidarno ab. Walesa beschimpfte sie gar als „KGB-Spitzel“. Gegen ihren Willen hat ihr Schlöndorff nun ein Denkmal errichtet. Es ist eine Geschichte „bigger than life“, so der Regisseur, „die einfach erzählt werden musste“. Zwar wollte Schlöndorff, wie er sagt, kein Heldenepos drehen. Aber genau das ist es geworden: etwas plump in blaustichigen Bildern, die die Tristesse des real existierenden Sozialismus der 60er, 70er Jahre einfangen, zugekleistert mit der Musik Jean-Michel-Jarres und doch seltsam unpathetisch. Seit den Dreharbeiten zur Oscar-prämierten Grass-Verfilmung „Die Blechtrommel“ 1978 in Danzig fühlt sich Schlöndorff als „Wahlverwandter“.

Gravierender als der Berliner Mauerfall

Die „schwärmerische Haltung“ der Polen habe es ihm angetan. Warum hat er sich nicht dem Fall der Mauer gewidmet, wurde bei der Vorpremiere gefragt. Ihn habe die Zivilcourage der polnischen Opposition mehr bewegt als die der DDR-Bürgerrechtsbewegung. „Die Montagsdemonstrationen, die Versammlungen in der Leipziger Nikolaikirche sind mit Danzig nicht vergleichbar.“ Sicher, gesteht er ein, sei es als Deutscher ein wenig beklemmend gewesen, an ein „polnisches Heiligtum“ zu rühren. Ex-Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan, Beauftragte für die deutsch-polnischen Beziehungen dazu: „Die Polen war materiell unterlegen, aber moralisch überlegen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2007)

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