Pereira: "Beim letzten Konzert 1991 in Wien, da habe ich geweint"

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Salzburgs Festspiel-Intendant Alexander Pereira spricht im Interview mit der "Presse" über die beachtliche Expansion des Budgets, kommende Uraufführungen und seine Stiftung für indische Kinder.

Die Presse: Ein Ball soll künftig die Salzburger Festspiele abschließen. Wollen Sie dem Wiener Opernball Konkurrenz machen?

Alexander Pereira: Sicher nicht. Wenn ich Festspiele mache, mache ich sie vom ersten bis zum letzten Tag. Die Leute sollen immer das Gefühl haben: Jetzt ist etwas los! Wenn man sie am Schluss noch einmal nach Salzburg holen will, dann darf das Festival nicht einfach so verebben, sondern man muss attraktive Premieren, Konzerte, aber eben auch ein Abschlussfest haben: für die Festspielgemeinde, die Künstler und das Publikum. Das Salzburger Kolorit soll dabei einbezogen werden. Nebstbei, wenn dieses Fest einmal eingeführt ist, wird es die zeitgenössischen Opern finanzieren.

Welche Uraufführungen planen Sie?

Es wird jedes Jahr eine Uraufführung geben, 2012 war das aus Zeitgründen nicht möglich, daher habe ich „Die Soldaten“ von Bernd Alois Zimmermann gewählt, einen Klassiker der Moderne. Kompositionsaufträge gingen an Györgyi Kurtág, Marc-André Dalbavie, Thomas Adès und Jörg Widmann.

Werden Sie nach Salzburg übersiedeln?

Ich habe mir eine Doppelhaushälfte in Moos bei Salzburg gekauft, aber ich kann leider nicht vor Herbst übersiedeln. Ich habe zu viel zu tun, erst in Zürich, dann in Salzburg.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Markus Hinterhäuser, der schwer enttäuscht war, dass er nicht Intendant geworden ist. Wären Sie sauer gewesen, wenn er statt Ihrer den Posten bekommen hätte?

Warum hätte ich da sauer sein sollen? Ich hatte ja gar nicht damit gerechnet, Intendant zu werden. Ich habe versucht, Markus Hinterhäuser in Salzburg zu halten. Ich habe ihm Angebote gemacht. Aber er wollte sie nicht annehmen. Ich habe das akzeptiert.

Sie haben das Programm stark erweitert, es ist auch teurer geworden. Werden Sie das schaffen?

Ich gebe fünf Millionen Euro mehr aus, damit es nur mehr Neuproduktionen gibt. Das ist notwendig für Salzburg! Die Festspiele müssen ihre Einmaligkeit wiedererlangen. Wir haben einen zusätzlichen Hauptsponsor, Rolex, und auch einige weitere private Financiers gefunden. Ich habe um 20 Prozent mehr Karten aufgelegt. Der Vorverkauf läuft sehr gut, wir haben rund 25 Prozent mehr Tickets verkauft.

Sie haben einen neuen Vertrag mit den Wiener Philharmonikern. Die Berliner Philharmoniker sind von den Osterfestspielen weg nach Baden-Baden gegangen. Ist das ein großer Verlust?

Der neue Vertrag mit den Wiener Philharmonikern über vier Opern-Neuproduktionen ist fantastisch! Ich bin sehr glücklich darüber. Die Geschichte mit den Berliner Philharmonikern und den Osterfestspielen hat mit dem Sommerfestival nichts zu tun. Ich glaube aber, dass die „Berliner“ einen großen Fehler machen, Baden-Baden wird nie so attraktiv sein wie Salzburg. Dank der erstklassigen Lösung, die Osterfestspiel-Intendant Peter Alward gefunden hat, wird Christian Thielemann der Magnet zu Ostern sein, und die Staatskapelle Dresden ist ein ausgezeichnetes Orchester. Ostern wird keineswegs an Attraktivität verlieren.

In Deutschland hat kürzlich das Buch „Der Kulturinfarkt“ für Aufregung gesorgt. Darin wird vorgeschlagen, bei der Hochkultur drastisch einzusparen, um Geld für neue Impulse in der Kunst frei zu machen. Könnten die Salzburger Festspiele, die zu 27 Prozent mit öffentlichem Geld finanziert sind, ohne dieses überleben?

Das muss man anders sehen: Die Umwegrentabilität der Festspiele für die Wirtschaft und für die Region ist zehnmal so hoch wie das, was die Festspiele die Region kosten. Wenn keine Festspiele stattfinden würden, wäre das eine Katastrophe für die Region, aber auch für die Kulturnation Österreich.

Das steht aber wohl nicht ernsthaft zur Debatte.

Doch, das steht zur Debatte.

Kein Politiker will die Festspiele abschaffen.

Faktum ist, die Salzburger Festspiele sind eines der wenigen Weltaushängeschilder, die die Republik Österreich hat. Daher sollten die Republik, die Stadt und das Land Salzburg Sorge tragen, dass diese Institution so stark wie möglich nach außen leuchtet.

Was soll man über den Salzburger Festspiel-Intendanten Pereira einmal sagen?

Wenn er aufhört: Er hat den Festspielen nicht geschadet.

Ein bescheidener Wunsch: Vielleicht werden Sie Ihren Vertrag 2017 noch einmal verlängern?

Darüber denke ich derzeit nicht nach, das liegt ja auch nicht an mir. Jetzt muss ich erst einmal schauen, dass der Karren läuft.

Fiel es Ihnen 1991 schwer, Wien zu verlassen?

Es kam das Angebot aus Zürich, und es war immer mein Wunsch, ein Opernhaus zu leiten. Ich war damals auch für die Wiener Oper im Gespräch, aber Zürich war konkret. Es gab eigentlich nur eine Gelegenheit, bei der ich ein bisschen wehmütig war: Das war das Schlusskonzert der Wiener Festwochen 1991 im Konzerthaus, mein letztes Konzert. Da war so ein Moment, da habe ich geweint und gefühlt, ich habe keinen Platz in der Heimat. Aber ich muss sagen, seitdem habe ich nicht mehr darüber nachgedacht – und jetzt macht mir die Heimat dieses Geschenk!

Sie haben eine Stiftung für indische Kinder?

Mein Vater, der Mitglied einer UNO-Vermittlungskommission in der Kaschmir-Krise war, ist nach dem Zweiten Weltkrieg in dieser Region mit dem Flugzeug abgestürzt. Es ist unklar, ob es ein Attentat war. Ich habe vor einigen Jahren versucht, sein Grab zu finden. Ich habe dann mit einem Priester, Father Joseph Puthenpura, „Saint Francis Home“, eine Stiftung für behinderte indische Mädchen, gegründet. Geistige oder körperliche Behinderung bedeutet für diese Mädchen den Tod. Wir haben eine Station, planen eine Schule. Zubin Mehta hilft uns sehr, er dirigiert Benefizkonzerte für die Stiftung.

Nachfahre Fanny von Arnsteins

Alexander Pereira, 1947 in Wien geboren, war zwölf Jahre bei Olivetti, studierte aber auch Gesang. 1984 wurde er Generalsekretär des Konzerthauses. 1989 war er als Festspiel-Chef in Salzburg im Gespräch, immer wieder auch für die Wiener Oper. Ab 1991 war er Opernintendant in Zürich. Zu Pereiras Vorfahren zählt Fanny von Arnstein (1758–1818), Mitbegründerin der Gesellschaft der Musikfreunde (Buch von Hilde Spiel bei Fischer).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2012)

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