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Kullmann: „Ruinen-Porno in Detroit, was bringt das?“

(c) AP (PAUL SANCYA)

Die Autorin und Journalistin Katja Kullmann über Niedergang und Auferstehung der Motor City, die Chimäre von Berlin als europäische Hauptstadt der Kreativwirtschaft und die Generation '89.

Die Presse: Sie haben vergangenes Jahr in Detroit recherchiert, sind fasziniert von dieser Stadt. Aus Ihren Recherchen ist dann das Buch „Rasende Ruinen“ entstanden.

Katja Kullmann: Ich bin Retro-Fan und sammle altes Motown-Vinyl. Detroit hat mich immer fasziniert. Hellhörig bin ich geworden, als ich hörte, dass Tony Goldman – er hat das Art-déco-Viertel im Miami aufgepimpt – gesagt hat: „Detroit hat die Chance, zum Berlin der USA zu werden.“ Berlin ist ja die Chiffre für die perfekte Creative City. Berlin, die Stadt, in der eine neue Boheme gestalterisch wirken und die kreative Klasse ganz gezielt angelockt werden soll. Ganz nach dem wowereitschen Slogan „Arm, aber sexy“. Wowereits SPD-Kollegen haben den Slogan des Bürgermeisters von Berlin übrigens erweitert: „Reicher werden, sexy bleiben.“ Naja, die Bewohner von Detroit sagen über ihre Stadt: „Detroit, das ist die am nördlichsten gelegene Dritte-Welt-Stadt.“

 

MTV-„Jackass“-Star Johnny Knoxville hat Detroit in seiner Doku „Detroit lives“ in Szene gesetzt.

...und wurde damit zur Hassfigur. Seine Doku war eigentlich ganz sympathisch. Aber in Detroit sagten sie: „Der kommt hier rein, macht unsere Ruinen cool und schick, das ist doch Ruinen-Porno. Was bringt das Detroit? Wenn Du nichts für die Stadt tun kannst, dann sieh zu, dass du wegkommst.“

 

Was ist dran an dem Slogan, „Detroit, das Berlin der USA“?

Es gibt Parallelen. Aber man sollte das nicht überstrapazieren. In den meisten Städten sehen wir heute Gentrifizierung. Dabei wird die Unterschicht an die Peripherie abgedrängt. In Detroit passiert das Gegenteil: De-Gentrifizierung. Dort wandert die – zumeist weiße – Oberschicht an die Peripherie ab, die zumeist schwarze Unterschicht bleibt in der Innenstadt. Das Ergebnis sind Chocolate City und Vanilla Suburbs. 82Prozent der Innenstadtbewohner von Detroit sind schwarz, über ein Drittel leben von Lebensmittelmarken, ein Drittel sind angeblich auch Analphabeten.

 

Dass deindustrialisierte Städte sich neu erfinden, ist ja nichts Neues. Das haben Städte im Ruhrpott versucht, Manchester ebenso.

Frei nach dem Motto: Wo früher eine Backsteinruine, eine Turbinenfabrik war, da ist jetzt Kunscht. Aber das ist nicht nachhaltig, das ersetzt auf keinen Fall, was dort früher war, nämlich Industrie, die vielen Menschen Jobs geboten hat. Der Berliner Kultursenator der Linken – die sind so gar nicht meine Partei –, Harald Wolf, hat den wunderbaren Satz gesagt: „Wir können nicht davon leben, dass wir uns gegenseitig filmen.“ Was er damit sehr schön beschrieben hat: Die Kultur-Kreativwirtschaft bringt erstens nicht die Masse an Jobs, die wir brauchten, um den gesamtgesellschaftlichen Lebensstandard zu halten. Viele dieser Kreativen arbeiten in – vielfach durch Elternsponsoring – fremdfinanzierten Vorzeigeprojekten. Für diese Jobs braucht es, was Pierre Bourdieu „inkorporiertes Kulturkapital“ genannt hat: Daher stehen diese Jobs nur Kreativarbeitern offen, die bestimmte Codes kennen, die sich vermarkten können. Dazu kommt, dass manches, was da passiert, bloß Boheme-Umfeld für all die schicken Flagship-Stores bieten soll, da geht es um die Aufwertung von Immobilien durch den coolen Flair, den die Kreativindustrie verbreitet.

Dennoch reden alle von der Silicon Allee, spannenden Tech-Start-ups in Berlin. Alles Chimäre?

Berlin ist neben London und Paris eine der interessantesten Städte Europas, ein globalisierter, interessanter Ort. Aber Berlin ist ein Durchlauferhitzer, eine Ausbildungsstätte, es ist schick, zwei, drei Jahre coolen Lebens in Berlin in den Lebenslauf zu schreiben.

Und wenn man dann einen echten Job will, zieht man nach Hamburg oder München?

Da gibt es dann eine ganze Gruppe von Menschen, die nach Düsseldorf, München oder Hamburg gehen.

 

Zurück in die USA: Dort stellt man gerade verwundert fest, dass die soziale Durchlässigkeit in der Europäischen Union mittlerweile größer ist als im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Wobei US-Präsident Barack Obama gerade versucht, Rudimente eines Sozialstaats einzuführen, den wir in Europa gerade abbauen. Bei uns wurde der Sozialstaat in den eisigen hardcore-neoliberalen Nullerjahren ja als Hängemattenstaat weggelästert. Global sehen wir, dass sich der Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital verschärft. Amerika hat mich somit als Konservative der neuen Zeit bestärkt: Ich glaube, dass wir die Marktwirtschaft, wie sie einmal war, bewahren – also konservieren – sollen.

 

Bekannt geworden sind Sie mit ihrem Buch „Generation Ally“, ein Buch über Frauen am Anfang der Nullerjahre. Was gibt es über die Generation Facebook zu sagen, die 20-Jährigen von heute?

Die wissen von Anfang an: Sie müssen ihre Erwartungen an Wohlstand und Sicherheit niedriger ansetzen. Die sind nicht so blauäugig, naiv und optimistisch, wie wir damals gestartet sind. Sie haben erlebt, wie volatil die Wirtschaft sein kann. Das fördert einerseits Ellenbogendenken, den Rückzug ins Private: Meine Beziehung stimmt, meine Klamotten sind okay, was kümmert mich der Rest? Aber es gibt auch eine neue politisierte Generation, Gründer, Tüftler, sozial Aktive, die Begriffe wie Solidarität, Gemeinschaftssinn wieder ganz unbefangen in den Mund nehmen und ganz lustvoll Gemeinschaften bilden: von Flashmobs bis Hausbesetzungen – alles ganz pragmatisch und mit einer schönen Dosis Humor.

 

Sie sind 1970 geboren. Was fällt Ihnen zur Generation '89 ein, die die Umbrüche in Europa erlebt hat und der Sie angehören?

Bei der Wende waren wir Angehörigen der Generation '89 zu jung, um das wirklich in seiner Tragweite zu erfassen. Aber die '89er haben eine historische Rolle zu spielen: Großeltern oder Eltern dieser meiner Generation haben den Krieg noch miterlebt. Und wir '89er wissen auch noch: Da gab es früher mal Ost und West in Europa. Und wir kennen auch noch den Alltag vor der Kommunikationsrevolution mit Vinylplatten, CDs und Faxgeräten, Wählscheibentelefonen und Telefonzellen. Diese Vermittlerrolle zwischen zwei spannenden Jahrhunderten, das ist doch eine schöne Aufgabe.

Zur Person

Katja Kullmann, 1970 in Frankfurt geboren. Für ihr Buch „Generation Ally“ erhielt sie 2003 den Deutschen Bücherpreis. In „Echtleben. Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben“ rechnete sie mit den Versprechungen der Kreativwirtschaft ab. Zuletzt erschien die Detroit-Reportage: „Rasende Ruinen“, edition suhrkamp digital, 6,20 Euro. Sie war auf Einladung von „Gaisberg“ in Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2012)