Erstes außenpolitisches Minenfeld für François Hollande: Paris zürnt über Brüssels Manneken Pis.
Kaum schickt sich François Hollande an, als zweiter Sozialist seit Beginn der V.Republik vom Élysée aus Frankreichs Geschicke zu lenken, landet schon eine diplomatische Delikatesse von möglicherweise weitreichenden Folgen für die franko-belgischen Beziehungen auf seinem Schreibtisch.
Stein des Anstoßes ist das Plakat des Musikfestivals „Paris fait chanter Bruxelles“, das dieses Wochenende in Brüssel stattfindet. Auf diesem Poster sieht man das Brüsseler Maskottchen Manneken Pis, wie es einen Strahl farbenfroher Musiknoten in hohem Bogen uriniert. Die Stadt Paris habe sich über das Plakat beschwert, berichtete der belgische Jazzjournalist Marc Danval in seiner Radiosendung „La Troisième Oreille“, und das habe ihn nun doch einigermaßen erzürnt. Wer Danvals wöchentliche Sendung verfolgt (und das wollen wir hier ausdrücklich empfehlen), musste erschrocken aufhorchen. Denn zornig kann man sich diesen vergnügten alten Herrn nicht vorstellen. Doch zornig war er: Manneken Pis sei wahrlich nicht obszön, sondern vielmehr ein fröhlicher und unschuldiger Repräsentant jener Lebensfreude, die dem Chanson doch zu eigen sein soll, grummelte Danval.
Wir wollen uns dieser Haltung bedingungslos anschließen und den neuen Staatspräsidenten zur Glättung der Wogen aufrufen. Denn wie sang schon Maurice Chevalier 1949 in seinem Chanson „Manneken Pis“? „Die Länder mögen sich rühren / Sich nerven, sich provozieren / Ihn kümmert's nicht / Selbst in größter Widrigkeit / Verteidigt er die Freiheit / Und das Recht, sich auszudrücken.“ Grund zur Hoffnung gibt es: Bei Hollandes Pariser Siegesfeier war Belgiens Ministerpräsident, Elio di Rupo, anwesend. Man kann sich ausmalen, aus welchem Grund.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2012)