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Lagenhonig: Süßer Terroirismus

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Stuhleck im Mund mit Naintschgraben vergleichen, Himmelstraße mit Lobau? Geht, wenn man Lagenhonig verkostet.

Himbeerblütenhonig, Erdbeerbaumhonig oder Manuka-honig – klingt exotisch, klingt speziell, her damit als Geschenk für Leute, die schon fast alles kennen. Gilt es jedoch wahre Gourmetobergscheite mit Hang zu kulinarischen Monologen zu beschenken, scheinen folgende Honigsorten eher angebracht: Gebirgswaldhonig Naintschgraben im Paket mit Gebirgswaldhonig Stuhleck. Zwei kleine Gläser mit Potenzial zum verbalen Terroirismus.

Die Lage macht den Unterschied, meinen nämlich immer mehr Imker. Sie sei beim Honig mindestens so schmeckbar wie bei Wein, bei Käse, bei Schokolade. Imker eröffnen damit nicht nur ein neues Spielfeld für verkostungs- und vergleichsbeflissene Esser, die ihre Zunge mit dem Match Stuhleck vs. Naintschgraben beschäftigen wollen. Imker schaffen sich mit den Lagenhonigen selbst eine neue Herausforderung: weg von „überflüssigen Sortenschubladen“, wie es der deutsche Imker und Publizist Johannes Haller nennt. Weg vom Diktat der möglichst reinen Sortenhonige à la Raps und Kastanie oder noch viel extravaganteren sogenannten Trachtpflanzen hin zum Lagenhonig, zur Abbildung von Landschaften in süßer Form. Haller meint, dass Lagenhonig ein viel größeres Potenzial als Sortenhonig hat. Schließlich ist jede Gegend aufgrund der Zusammensetzung der Pflanzen vor Ort einzigartig, was sich im Honig abbilden lässt und gerade kleinen Imkereibetrieben mit wenigen Bienenvölkern mehr Möglichkeiten zur Profilierung bietet als reiner Akazienhonig, der immer ziemlich gleich schmeckt, egal, wo er herkommt.



Ortsrein. Sicher, schon bisher gaben die Etiketten von Sortenhonigen in gewisser Hinsicht Auskunft über die Lage: Waldhonig wird wohl irgendwie waldigen Gebieten entstammen, Rapshonig darf man einer leuchtend gelb blühenden Gegend zuordnen. Wo die Rapsfelder aber liegen, darüber sagt die Bezeichnung nichts aus. Beim Schönbrunner Honig, den Josua Timotheus Oberlerchner vertreibt, ist das genau anders. Seine Bienen fliegen zwischen Gloriette, Gartenbauschule und Maria-Theresien-Kaserne in Wien die verschiedensten Blüten an, also keine einzelne „Trachtpflanze“, produzieren also alles andere als einen sortenreinen Honig, dafür aber einen ortsreinen, wenn man so will.

Oberlerchner ist einer der drei Imker der Initiative „Landschaftshonig“, die unter anderem sagen: „Honig ist ein Bild der Landschaft, und jeder Ort hat seine Eigenheit“, und „Honig lässt uns die Landschaft mit all unseren Sinnen wahrnehmen“. Johannes Gruber, ebenfalls Mitglied, macht für sein Label Rainbauer unter anderem die eingangs erwähnten Lagengebirgswaldhonige. Da der Aktionsradius der Bienen mit vier Kilometern sehr gering ist, seien die regionalen Unterschiede im Geschmack bei den einzelnen Lagen enorm. Wanderimker Gruber kann zusätzlich mit einer weiteren Spezialität aufwarten: Er fermentiert seine beiden Honige von Stuhleck und Naintschgraben doppelt, was sie noch viel konzentrierter schmecken lässt. Hildegard Burgstaller ist die Dritte im Bunde, sie will mit ihrem Honig aus der Himmelstraße den Norden Wiens schmecken lassen, der die Nähe des Wienerwalds geschmacklich widerspiegelt.

Wien ist gleich Bäume. „Die Stadt ist teilweise gesünder für Bienen als eine ländliche Gegend mit intensiver Landwirtschaft“, glaubt Nebenerwerbsimker Michael Auer, eigentlich Mitarbeiter in einem Blumengeschäft in Wien, wo er seine Honige aus Puchberg und der Lobau auch verkauft. Sortenhonige findet Auer öd. Sein Lobauer Honig zeichne sich geschmacklich ganz klar dadurch aus, „dass es in Wien einfach so viele Bäume gibt“: Linde oder Akazie etwa. „Aber auch Rapsfelder fliegen die Bienen an, wenn sie in der Nähe sind, das schmeckt man dann.“

Der Honig aus Puchberg wiederum, seiner Heimat, sei vielfältiger als jener aus der Lobau. „Dort gibt es viele Futterwiesen, die sich stark unterscheiden, manche haben mehr Wiesenkräuter, manche weniger. Es kann aber auch einmal dazu kommen, dass es fast ein reiner Löwenzahn-honig wird!“ Dennoch wäre es in diesem Fall ein Lagenhonig, kein Sortenhonig. Kleiner Nachtrag: In der Stadt zu imkern wurde in den letzten Jahren zum viel besprochenen urbanen Phänomen. Kein Wunder also, dass das Thema Lagenhonige in Kombination mit dem Wissen um den Stadtbienentrend bei einem „Schaufenster“-Kollegen die Frage provozierte: „Gibt es denn auch einen Südosttangentenhonig?“