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Ökumene 2012: Die große Ernüchterung

Enttäuschung über Kardinal Kurt Koch, der vor Kurzem in Wien die Reformation des 16. Jahrhunderts als „Sünde“ dargestellt hat.

Die Unterschiede könnten größer kaum sein: Während Margot Käßmann, die neue Lutherbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland, die katholische Kirche einlädt, das Reformationsjubiläum 2017 ökumenisch zu feiern, plädierte Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, zuletzt in Wien für ein bußfertiges Reformationsgedenken, dessen Höhepunkt ein beiderseitiges Schuldbekenntnis für die seit dem 16. Jahrhundert bestehende Kirchenspaltung bilden sollte. Die katholische Haltung erläuterte er mit den Worten: „Wir können nicht eine Sünde feiern.“

Nachdem schon Papst Benedikt XVI. bei seinem Deutschland-Besuch keine neuen ökumenischen Impulse setzte und auf die Einladung, das Reformationsjubiläum ökumenisch zu begehen, nicht einging, sorgen nun die Worte des obersten Ökumenikers der katholischen Kirche für weitere Ernüchterung. Man kann nur hoffen, dass sich die nun eintretende Enttäuschung auf die weiteren Vorbereitungen des Reformationsjubiläums heilsam auswirkt.

Bei näherem Hinsehen dient sie dem Fortschritt der Ökumene mehr als irgendwelche ökumenischen Reformationsevents, denen es an theologischer Substanz mangelt. Der Verzwergung des reformatorischen Erbes – Stichwort Lutherzwerge – gilt es, theologisch Einhalt zu gebieten.

 

Warum nicht gemeinsam feiern?

Dass es in den zurückliegenden Jahrzehnten eine „wunderbare Wiederannäherung“ der Kirchen gegeben hat, die man zusammen feiern solle, wie Frau Käßmann vorschlägt, ist doch keine ausreichende Basis, um auch die Reformation gemeinsam zu feiern. Das ginge doch nur, wenn man die Reformation des 16. Jahrhunderts eben gerade nicht als Sünde, sondern als Neuentdeckung des Evangeliums und Neuwerden der Kirche gemeinsam gutheißen könnte.

Welche eigene Sicht auf die bleibende Radikalität Luthers und der Reformation hat eigentlich die evangelische Kirche heute, wenn sie dem katholischen Partner solches im Ernst glaubt, nahelegen zu können? Umgekehrt würde doch ein Schuldbekenntnis, wie es Kardinal Koch vorschlägt, das evangelische Eingeständnis bedeuten, dass die Reformation und die seitherige Entwicklung der aus ihr hervorgegangenen Kirchen letztlich ein Irrweg war. Das ist doch im Ernst kaum zu erwarten.

 

Was sich die Kirchen fragen sollten

Aufhorchen lässt die Aussage des Kardinals, „dass die Reformation im 16. Jahrhundert zumindest unvollendet geblieben ist und weiter bleiben muss, bis die Einheit einer im Geist des Evangeliums erneuerten Kirche wiederhergestellt sein wird“. Dieser Satz lässt sich so verstehen, dass die Reformation nicht in Bausch und Bogen als Sünde verurteilt wird, sondern auch für die römisch-katholische Kirche eine positive Bedeutung hat.

Wäre nicht dies ein Ansatz für ein gemeinsames Reformationsgedenken: Dass sich die römisch-katholische Kirche fragen könnte, was sie positiv der Reformation zu verdanken hat, auch wenn sie sich ihr bis heute nicht anzuschließen vermochte; dass aber auch die evangelischen Kirchen sich prüfen, was sie in Geschichte und Gegenwart der katholisch gebliebenen römischen Kirche für das eigene Evangelischsein verdanken?

Was bedeutet es für das eigene Verständnis des Evangeliums, des Christseins und der Kirche, dass sich eben nicht die ganze abendländische Christenheit der Reformation angeschlossen hat? Und welche Impulse gehen vom Erbe der Reformation für den gemeinsamen ökumenischen Weg in die Zukunft aus? Dann würde vielleicht ein ökumenisches Verständnis von Katholizität entstehen, das zugleich gut evangelisch ist.

Univ.-Prof. Ulrich H. J. Körtner ist Vorstand des Instituts für Systematische Theologie und Religionswissenschaft an der Evangelisch-Theologischen Fakultät und Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin der Universität Wien.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2012)