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Russlands veraltete Industrie ist im Sturzflug

(c) AP (Sergey Dolya)
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Der modernste russische Jet „Superjet 100“ ist abgestürzt. Die angekündigte Modernisierung der Industrie blieb aus. Die Tragödie ist eine schwere Schädigung des Images der gesamten Flugzeugindustrie des Landes.

Wien. Es hätte ein Werbeflug werden sollen: Für den „Superjet 100“, dem ersten völlig neu entwickelten Passagierflugzeug aus Russland seit dem Ende der Sowjetzeit – und damit auch für die oft gepriesene Modernisierung der Industrie des Landes. Doch die Demonstration endete in einer Katastrophe. Eine knappe halbe Stunde nach dem Start im indonesischen Jakarta zerschellte vorgestern die zweimotorige Maschine am Vulkan Mont Salak. Keiner der über 40 Passagiere überlebte.

Die Tragödie ist ein wirtschaftlicher Schaden für den Hersteller Suchoi und eine schwere Schädigung des Images der gesamten Flugzeugindustrie des Landes. Denn Wladimir Putin selbst hatte den „Superjet 100“ zum zukunftsweisenden Projekt erklärt, mit dem die russischen Flugzeugbauer international endlich wieder konkurrenzfähig werden sollten. Zuvor war das Flugzeug in Kasachstan, Pakistan und Burma ohne Zwischenfälle vorgeführt worden. In die Entwicklung der Maschine waren auch etliche westliche Konzerne wie etwa Boeing eingebunden gewesen. Erst vor Kurzem erhielt die Maschine die offizielle Zulassung für die EU. Wie viele der zahlreichen Bestellungen aus Südostasien noch halten werden, ist unklar.

„Die Modernisierung hat nicht begonnen“

Von Putins Versprechen, die Wirtschaft des Landes zu modernisieren, bleibt damit nur wenig. Kaum eine Industrie des Landes ist international wettbewerbsfähig. „Die Modernisierungspolitik ist nicht gescheitert, sie hat kaum begonnen“, sagt Peter Havlik, Russlandexperte am Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche in Wien. Den schönen Worten der Politiker seien nur selten Taten gefolgt. Vorzeigeprojekte wie das Innovationszentrum in Skolkovo, dem russischen Silicon Valley, brächten nur wenig. Ökonomen kritisieren die starke Konzentration auf Einzelprojekte, andere wichtige Sektoren würden vernachlässigt.

Letztlich haben zwölf Jahre unter Putins Führung nichts daran geändert, dass Russlands Wirtschaft immer noch komplett von Rohstoffen abhängig ist. 70 Prozent aller Exporte entfallen auf Öl, Gas und Metalle. Solange der Preis für ein Fass Erdöl über 80 Dollar bleibt, werde sich daran auch nichts ändern, sagt Havlik.
Auch die russischen Unternehmen haben die Notwendigkeit zur Innovation noch nicht erkannt. Einer Studie der russischen Sberbank zufolge hat fast ein Drittel der Unternehmen ihre Anlagen zuletzt zu Sowjetzeiten erneuert.

Putins jüngster Anlauf zur Modernisierung des Landes stieß ebenfalls auf heftige Kritik. Der Präsident hatte den Ausbau des Staatskapitalismus nach dem Muster Chinas oder Südkoreas als Zukunftsvision beschrieben. Staatsfirmen sollten international wettbewerbsfähig werden.  Für Havlik ist das keine Lösung: „Der Weg kann nicht mehr Staat oder mehr Geld heißen.“ Gegen China hätte Russland mit dieser Strategie keine Chance.
Das wahre Problem sei, das sich das Investitionsklima in den vergangenen Jahren zusehends verschlechtert habe. Derzeit gebe es kaum Anreize, in die Industrie zu investieren. Im Vorjahr flossen 84 Milliarden Dollar aus dem Land ab. Das entspricht etwa fünf Prozent der gesamten russischen Wirtschaftsleistung. Verdeckt wurde diese Entwicklung einmal mehr durch den hohen Ölpreis.

Wettbewerb stärkt Willen zur Innovation

Schenkt man Putin Glauben, hat er das Problem mittlerweile erkannt. Bis 2018 müsse das Land hundert Plätze im „Ease-of-Doing-Business-Index“ der Weltbank gutmachen, gab er seinem Regierungschef Alexander Medwedjew per Dekret eine steile Vorlage. Im Vorjahr rangierte Russland in Sachen Investitionsklima noch an 120. Stelle. Zudem sollen die Staatsanteile an Unternehmen außerhalb des Rüstungs- oder Energiesektors bis 2016 verkauft werden.

Havlik setzt seine Hoffnungen lieber auf den baldigen Beitritt Russlands in die Welthandelsorganisation WTO. Durch die wachsende Konkurrenz aus dem Ausland steige der Druck zur Umstrukturierung und Modernisierung der maroden Industrie. Dass Wettbewerb den Willen zur Innovation erhöht, zeigt die Studie der Sberbank: Von den Betrieben, die in den letzten zwei Jahrzehnten keine Konkurrenz aus dem Ausland hatten, investierte nur ein Zehntel in Innovation. Von jenen, die mit Ausländern konkurrieren mussten, war es ein Viertel.