Schnellauswahl

Die Enteignung der Sparer hat längst schon begonnen

Die Schuldenkrise wird von den Besitzern von Geldvermögen bezahlt werden. Schon jetzt ist die Inflation viel höher, als die offiziellen Raten glauben machen.

 

Dass die wohl stabilitätsorientierteste Notenbank der Welt, die Deutsche Bundesbank, plötzlich ein bisschen mehr Inflation „dulden“ will, wird jetzt als großer „Paradigmenwechsel“ empfunden. Zu Unrecht: Für Insider war längst klar, dass die Deutschen trotz aller Stabilitätsbeteuerungen keine große Wahl mehr haben. Für den Ausstieg aus dem Euro ist es zu spät, das würde zu hohe Kosten verursachen. Und der Ökonomen- und Politikerkonsens im Rest Euro-Europas (und nicht nur da) neigt immer stärker in die Richtung, dass sich die abenteuerlichen Staatsschuldenberge nicht mehr vernünftig abbauen, sondern nur noch „weginflationieren“ lassen.

Die Vorarbeit ist unter tatkräftiger Mithilfe auch der deutschen Bundesbanker längst geschehen: Die Euro-Geldmenge hat sich in den vergangenen zwölf Jahren annähernd verdoppelt, womit die EZB von Anfang an ein viel stärkeres Geldmengenwachstum „geduldet“ hat, als sie sich selbst verordnet hat. Die Inflationierung ist also schon geschehen. Und dass man Geldmengen nach Belieben aufblasen kann, ohne dass zumindest Teile dieser Mengen ihren Weg in die Realwirtschaft finden und dort Teuerungen verursachen, das glauben wohl auch jene Notenbanker nicht, die uns das in den vergangenen Jahren immer wieder erzählt haben.

Wir haben die Teuerung in jenen Bereichen, in die Anlegergeld zuletzt vorwiegend geflossen sind, ja längst: Wer sich etwa die Entwicklung der Immobilienpreise in Wien und anderen europäischen Städten ansieht oder einen Chart des Goldpreises über die letzten zehn Jahre betrachtet, der weiß, was „Asset-Inflation“ bedeutet.

Wie übrigens auch jeder, der seine täglichen Einkäufe selbst erledigt. Denn die Teuerungsrate ist in Wirklichkeit derzeit schon gut doppelt so hoch wie der offiziell ausgewiesene harmonisierte Konsumentenpreisindex. Die wirklichen Werte liefern uns neuerdings berechnete Teilindizes wie etwa die „gefühlte Inflation“ in Deutschland und der „Wocheneinkauf“ in Österreich. Da sehen wir, dass die „erlebte“ Teuerung schon lange dramatisch von den schöngerechneten Indizes der Statistikämter abweicht. In Deutschland und Österreich dürfte die „echte“ Teuerung derzeit zwischen vier und fünf Prozent liegen.

Dass die EZB ihre Stabilitätslüge (Inflationsziel zwei Prozent) bisher aufrechterhalten konnte, verdankt sie kreativen „Optimierungen“ bei der Berechnung der offiziellen Teuerungsraten. Etwa der seit zehn Jahren üblichen „hedonischen“ Berechnung, bei der von den tatsächlichen Preisen Abschläge für Qualitätsverbesserungen abgezogen werden. Oder dem „Surrogatansatz“, der darin besteht, dass man Produkte mit größerer Teuerung im Warenkorb einfach gegen preisstabilere austauscht. Meister aller Klassen sind da übrigens die Amerikaner, die bei der Berechnung ihres realen BIPs die „Kerninflation“ heranziehen. Da sind die schnell steigenden Preise für Nahrungsmittel und Energie nicht enthalten. Weil Öl und Essen ohnehin niemand braucht, nicht wahr?

Aber selbst wenn wir die geschönten offiziellen Statistiken heranziehen, sind die Vermögensentwertung und damit die Enteignung der Sparer längst im Gang. Relevant ist nämlich nicht die absolute Höhe der Inflation, sondern deren Relation zu den erzielbaren Zinsen. Und da liegen Sparer und Anleihezeichner nach Abzug von Kest und offizieller Inflation schon seit Längerem deutlich im Minus.

 

Wenn die Euro-Notenbanken die Inflationsleine nun lockerer lassen, dann ist klar, wer die Krise bezahlen wird: Sparer und Anleihezeichner. Und wer davon profitieren wird: Schuldner aller Art, am meisten der Staat. Wobei man sich nicht von abwiegelnden Aussagen à la „ein bisschen Inflation“ beruhigen lassen sollte: Der Enteignungseffekt der Teuerung ist auch bei unspektakulären Raten enorm. Eine reale Inflation von sechs Prozent etwa stutzt den Wert eines Tausenders (ohne dass das dessen Besitzer besonders auffällt) in fünf Jahren auf 747 und in zehn Jahren auf 558 Euro. Den realen Wert eines Tausenders Staatsschulden natürlich auch. Da wird man wohl nicht lange raten müssen, wie die Sanierung wirklich ablaufen wird. Seite 1

 

E-Mails an: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2012)