Zum Aufwärmen für die Festwochen fährt man am besten nach Graz. Dort gibt es den „finalen Theaterabend“ vor der großen Sause in Wien.
Jedes Jahr überrascht mich diese trübsinnige, vom Kapitalismus gebeutelte Stadt aufs Neue: Wien feiert! Fünfeinhalb Wochen lang! An diesem Freitag haben die Wiener Festwochen begonnen. Wie immer habe ich aus Furcht vor Massenwahn jenes Ereignis versäumt, das dieses Festival im Kern ausmacht: den Empfang beim Bürgermeister, der zur Einstimmung auf das musikalische Vorprogramm auf dem Rathausplatz zelebriert wird.
Stattdessen bin ich in Vorfreude auf die Sause-Wochen nach Graz gefahren, um meine Kritikerseele durch echtes Drama zu kalibrieren. Im Grazer Schauspielhaus wurde der „finale Theaterabend“ angekündigt. Dirk Stermann und Christoph Grissemann spielen auf Anleitung der FM4-Legende Fritz Ostermayer „Aus-Schluss-Basta oder wir sind total am Ende“. Sie geben ausschließlich Schlüsse berühmter Klassiker. Das ist doch besser und sogar billiger, als sich in missionarischem Eifer nach London, Rio oder Budapest chauffieren zu lassen, um einen netten Vorgeschmack auf die tollen Festwochen zu entwickeln.
Hoffentlich komme ich aus Graz wieder unbeschädigt zurück an die Peripherie, wo ich mich bis Mitte Juni jeden Abend in dunklen Räumen von der mühevollen Vorbereitung auf die Festwochen erholen kann. Denn wenn die beginnen, sind wir hier im Gegengift längst fertig. 20 Prozent unserer Energie fließen in die Lektüre der Texte, 80 Prozent ins Zuschauen und Schreiben – aber 100 Prozent in die Verhandlungen darüber, wer welche Aufführung besprechen darf.
Wie jedes Jahr habe ich auch diesmal aus angeborener Zurückhaltung viel verloren. Ich will Cate Blanchett nackt durch ein brandheißes Stück von Botho Strauß tanzen sehen. Nein, sagt die Kollegin bei tagelangen Verhandlungen im Tonfall tiefer Sorge, dafür sei ich sittlich nicht genug gefestigt. Als Ersatz bekomme ich Altherren-Poesie: Bondy und Handke träumen von Aranjuez. Auch gut. Aber wenigstens die allerneueste Bildershow Madame Mnouchkines, über die ich schon seit Jahren schreiben will, werde ich doch kriegen? Njet. Schiffbruch ist Frauensache. Mir bleibt stattdessen Onkel Marthaler mit einer bewährten Horváth-Schnulze.
Die Verteilung der Karten erfolgt paritätisch. Wie viel EU-Faschismus, Ost-Sex, Aufrufe zur Latino-Revolution, Zitate von D. F. Wallace und Manifeste von Piraten sind einem Einzelnen zumutbar? Darf ein Kritiker, der Rimini-Protokoll sieht, auch Protest aus Buenos Aires besprechen? Wir sind zu einem fairen Kompromiss gekommen, haben dabei sogar die Zahl der Tiere auf der Bühne, der Selbstmord- und der Videokunst-Versuche berücksichtigt. Heuer ist anscheinend ein gutes Jahr für Elefanten, Verliese und echt fiese Männer. Umso mehr schmerzt es mich sogar noch auf der Fahrt nach Graz, dass ich den Kampf um Cate und Ariane verloren habe.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2012)