Sieben Säulen, sieben Lager

Strasshof in der NS-Zeit: Irene Suchy sucht die Aufarbeitung. Eine Aufarbeitung, die genau genommen erst mit Suchys Buch beginnen kann.

Vor zwei Jahren war ich in Gänserndorf und wollte in der Bücherei etwas über das Konzentrationslager finden, aber die in der Bücherei wussten gar nichts von dem Lager in Strasshof.“ Und dabei sei das doch so „riesig“ gewesen, erzählt Peter Kádár, da schreibt man das Jahr 2010. Peter Kádár ist einer von mehr als 20.000 ungarischen Juden, die 1944 nach Strasshof deportiert wurden. Und die, der er 2010 davon berichtet, die Wiener Musikwissenschaftlerin und Ö1-Redakteurin Irene Suchy, hat sich zum Zeitpunkt des Gesprächs eben daran gemacht, die Lücke in der Gänserndorfer wie in allen anderen Bibliotheken des Landes zu schließen: mit einer ersten Annäherung an die NS-Geschichte dieses Ortes „und ihre Aufarbeitung“, wie schon der Untertitel betont. Eine Aufarbeitung, die genau genommen erst mit Suchys Buch beginnen kann.

Strasshof „als Drehscheibe der NS-Geschichte“ sei lange Zeit auch „in der Forschung gestreift, umfahren, übergangen worden“, schreibt Suchy – und sie hat recht. Selbst als man sich – nur allzu spät! – hierzulande des Themenbereichs „ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter“ endlich angenommen hatte, standen vor allem deren Einsatz bei der Errichtung des „Südostwalls“ im Mittelpunkt der Aufklärungsbemühungen und die barbarischen Todesmärsche, auf denen man sie gegen Kriegsende Richtung KZ und in ein Verderben trieb, das in vielen Fällen bis heute ungeklärt ist. Strasshof dagegen als eine Art logistisches Verteilerzentrum nachfolgender Vernichtung blieb bis dato von expliziter zeitgeschichtlicher Expertise bemerkenswert unberührt: keine einzige monografische Auseinandersetzung, die dem Konzentrationslager Strasshof gewidmet wäre.

Irene Suchy liefert wichtige Ansätze dazu: Gemeinsam mit der von ihr an Ort und Stelle initiierten und geführten „Arbeitsgruppe Strasshof“ hat sie Fakten gesammelt, Zeitzeugen befragt, eine erste Opferliste rekonstruiert, ist letzten Lagerspuren nachgegangen. Und als wäre das Unglück der 1944 als Arbeitssklaven in die Ostmark zwangsweise transferierten ungarischen Juden nicht genug, ist sie dabei auf mentale wie manifeste Hinterlassenschaften von insgesamt nicht weniger als sieben Lagerbereichen in und um Strasshof gestoßen: Serben und Russen, Franzosen und Belgier, sie alle hatten hier als Zwangsarbeiter unter unmenschlichen Bedingungen Frondienst zu leisten – oder harrten ihrer Zuteilung zu ihren Einsatzorten. Denn Strasshof ist ein „Dulag“, ein „Durchgangslager“, was nur für jene halbwegs kommod klingt, die damit nicht Hunger, Misshandlung, ja, auch Mord und Tod verbinden.

Sieben Säulen erheben sich seit vergangenem Herbst knapp neben der Bahntrasse, die so viele zu Elend und Auslöschung führte. Sieben Säulen für sieben Strasshofer Lager: eindringliches Erinnerungsmal, das freilich nur findet, wer sich vorher auf der Website der Arbeitsgruppe (www.vas-strasshof.at) kundig gemacht hat. Ein Wegweiser an der Ortsdurchfahrt fehlt. Für die Forschung sollte Suchys Arbeit selbst Wegweiser sein: das hier Begonnene mit der nötigen Fachkundschaft zu flankieren und fortzuführen. ■


Der Band wird am 18. Mai im Strasshofer Haus der Begegnung (Arbeiterheimstraße 23) präsentiert.



Irene Suchy

Strasshof an der Nordbahn

Die NS-Geschichte eines Ortes und ihre Aufarbeitung. 260S., brosch., €20 (Metroverlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2012)

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