Der gekränkte Doyen Peymann will die Leistungsschau der deutschsprachigen Bühnen abschaffen. Zehn Produktionen antworten ihm mit Mut, Neugier und befreiendem Humor. Ernst: eine Münchner Hommage an Sarah Kane.
Jedes Festival, das auf sich hält, braucht seinen Skandal. Beim Berliner Theatertreffen hat ihn heuer Claus Peymann beigesteuert: Man solle es doch endlich abschaffen, dieses überholte Relikt aus Mauer-Zeiten, das den Westberlinern zum Anschluss an das theatrale Leben der Bundesrepublik, Österreichs und der Schweiz verhalf. Doch der Furor rührt von tiefer: „Wo bleiben die ganz großen Meister?“, fragt der Intendant des Berliner Ensembles und meint zweifellos sich selbst, mitsamt der alten, von der Jury ignorierten Garde an Regisseuren. Es regierten ein „völlig schwachsinniger Jugendkult“ und der „absurde Wahnsinn“ eines postdramatischen Theaters. Das ist Peymanns Chiffre für ein Bühnengeschehen jenseits von allem Schönen und Gediegenen, von Erhabenem und Wahrem.
Die Hälfte der zehn Einladungen erging an Debütanten des Treffens. Theaterkollektive und freie Gruppen kommen ausgiebig zu Wort. Wo Klassiker neu zur Diskussion stehen, ufern sie ins Maßlose aus. Für Alvis Hermanis' „Platonov“ aus dem Akademietheater braucht man einen halben Tag. Acht Stunden dauert es in Nicolas Stemanns „Faust“ in zwei Teilen (für die Salzburger Festspiele), bis ein Gospelchor das Publikum hinanzieht und das gequälte Sitzfleisch von aller Erdenschwere befreit. Entschleunigung als Gegentrend zur Rastlosigkeit unserer Zeit? „Waste your time“, fordern die Organisatoren mutig.
Publikumshit: „Spanische Fliege“
Diesen Appell braucht es für die „Spanische Fliege“, den Publikumshit des Theatertreffens, wohl nicht. Herbert Fritsch, als Darsteller ein Zadek-Veteran der Volksbühne, kehrt als 61-jähriger Jungregisseur im Triumph zurück. Er hat einen schwachsinnigen Schwank aus 1913 wieder ausgegraben und zu einer tollkühnen Zirkusnummer aufgemöbelt. Fritsch belässt den Text von Arnold und Bach, wie er ist, entstaubt die Klamotte aber mit Struwwelpeter-Slapstick und ölt sie mit grandioser Choreografie: Ein beherztes Ensemble turnt, tanzt und fliegt durch die verwickelten Verwechslungsvolten, bis kein Auge mehr trocken ist. Selten wurde der konzentrierte Unernst mit solcher Ernsthaftigkeit einstudiert: Bei aller Überzeichnung ist keine Geste umsonst und keine Grimasse zu viel – die Dosierung stimmt genau.
René Pollesch möchte gern leicht sein
Leichtigkeit postuliert auch der heftig gehypte René Pollesch in seiner aktuellen Diskursrevue „Kill Your Darlings! Streets of Berladelphia“. Aber wie angeschwitzt von multiplen Metaebenen, wie beschwert von Theorieballast kommt sie daher! Fabian Hinrichs hetzt einen Abend lang als Pollesch-Sprachrohr und selbst ernannter Sympathieträger über die Bühne, verfolgt und umfangen vom Bewegungschor einer jungen Turnertruppe. Sie wird als Netzwerk vorgestellt, die moderne Erscheinungsform des bösen Kapitalismus, der weder die freie Entfaltung des Individuums noch das erlösende Aufgehen im Kollektiv erlaubt. Untermischt mit banalem Liebeskummergestammel und zahllosen Purzelbäumen käme der „Boulevard für Intellektuelle“ so gern locker und charmant über die Rampe. Unter den zur Anbetung versammelten Pollesch-Jüngern gelingt die Suggestion, sie steuern dankbar Lachen, Szenenapplaus und selige Gesichter bei. Wer dieser Sekte nicht angehört, fühlt sich unangenehm fremd – und gelangweilt.
Ein weit ernsteres Unterfangen ist die posthume Hommage an Sarah Kane. 13 Jahre nach ihrem Selbstmord versuchen die Münchner Kammerspiele unter Johan Simons, auf die todessehnsüchtigen, nach Liebe flehenden Gewaltorgien der depressiven Britin einen neuen, stilisiert-entschärften Blick zu werfen – mit ihren letzten drei Werken en suite. Das misslingt erst ganz schlimm mit „Gesäubert“, wenn die reale Folterklinik einem wirren Kindertraum weicht. Da muss niemand mehr wegsehen, aber das Hinsehen lohnt sich nicht. Doch seltsam: Während sich Kanes Weltsicht immer weiter verdüstert, gelangt der Theaterabend ans helle Licht. „Gier“ steht als Mittelteil wie ein Scherzo da, ein faszinierendes Wortquartett, in dem furiose Sprachakrobaten aneinander vorbeireden, wo sie sich doch so dringend brauchten. „4.48 Psychose“ ist als Abgesang vom Leben mit Kammersextett orchestriert. An den besten Stellen steigt er auf die Höhe der letzten Gedichte Trakls: Es erklingt der Sound des Schmerzes, es verwandelt sich Leid in Kunst.
Doch das war noch nicht das Beste. Es hört auf den Namen Jana Schulz. Die junge, auf Hosenrollen abonnierte Schauspielerin verleiht dem „Macbeth“ in der Regie von Karin Henkel die Magie der Androgynität. Wundersam zwischen den Geschlechtern schwebend, spielt das Geschlecht für ihren König gar keine Rolle. Sie zeigt nur einen Menschen, den der Krieg zum Mörder macht, und der sich, zurück vom Schlachtfeld, nicht mehr findet. Ein verstörtes Häufchen Seele, das von Machtfantasien lebt und die anderen nicht mehr leben lässt. Rundum schlüpfen eine Handvoll Schauspieler in die restlichen Rollen, zeigen Travestie, Wahn und schelmischen Humor. Das wird alles nur kurz angerissen, ein Patchwork zum Weinen und Lachen, wie es Shakespeare gebührt, und dennoch vollendet in seinem Zauber ohne Rezept. So beschert das Theatertreffen, nehmt alles nur in allem, dann doch eine glorreich verschwendete Zeit.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2012)