Der Menschenkritiker. Der Outrant. Der Meister im Wörtlichnehmen. Der verhinderte Tragöde. Einer für die Armen, keiner zum Umarmen. Johann Nepomuk Nestroy und sein Erbe: eine „Spectrum“-Umfrage zum 150. Todestag.
Peter Turrini, Schriftsteller, Dramatiker. 2006 uraufgeführt: „Mein Nestroy“
Dieser alte Zwidergeist. Meine erste Begegnung mit einem Nestroy-Stück hatte ich in der Schule. Und dieser Erstkontakt – wie auch der Erstkontakt mit Schiller und vielen späteren Göttern meines Literaturdenkens – war schauerlich. Ich habe damals in der Handelsakademie Klagenfurt einen Professor als Literaturvermittler gehabt, der überhaupt nicht in der Lage war, das geringste Maß an Begeisterung hervorzurufen. Selbst Nestroy, was ich mir heute gar nicht erklären kann, wurde von mir damals nur als Stoff empfunden, den man durchzunehmen hatte.
Das Bild hat sich grundsätzlich gewandelt. Wie ja viele Autoren, die ich am Anfang gar nicht wahrgenommen habe, im Lauf der Zeit, als ich sie selber las, fernab des Schulischen, für mich plötzlich zu großen Entdeckungen wurden. Heute ist es das Bild eines Menschen, von dem ich glaube, dass er ähnlich wie Shakespeare – und in diese lichten Höhen hebe ich ihn – das Wesentlichste der Dramatik wiedergibt, nämlich die Trauer und die Komik. Und das gilt sowohl für die Person als auch für die Stücke.
Es ist ja nahezu übermenschlich, wie viele Stücke er pro Saison geschrieben hat, und wie viele Aufführungen er gleichzeitig gespielt hat, man ist fassungslos, mit welcher Intensität er die Theatermaschinerie bedient hat; gleichzeitig aber muss man wissen, dass ein Schmerz in all diesen Jahren, die nach außen hin so unendlich erfolgreich waren, in ihm bohrte, nämlich dass er eigentlich Tragöde sein wollte, dass er ans k. k. Hofburgtheater wollte: Mehr Unglück lässt sich für einen erfolgreichen Menschen gar nicht denken. Das habe ich ja auch in meinem Nestroy-Stück thematisiert.
Einerseits findet sich in seiner Biografie also diese absurde Kombination, dass einer der traurigsten, zu Depression neigenden, mit viel Düsternis in seiner Umwelt agierenden Menschen zum lustigsten Kerl von Wien wurde zu Lebzeiten; andererseits werden auch in seinem Werk, selbst wenn man sich durchlachen kann durch ein Nestroy-Stück, ständig existenzielle Fragen verhandelt. Die Fragen nach Glück und Unglück, nach den Sehnsüchten der Menschen, die nur allzu oft betrogen werden.
Alles, was für mich wichtig ist im dramatischen Tun, nämlich dass die Komödie nicht ohne die Tragödie denkbar ist, stellt sich für mich am aufregendsten bei Nestroy dar. Dieser alte Zwidergeist, wie ihn auch die Bilder, die es von ihm gibt, widerspiegeln, spukt durch mein Gemüt und meine Vorstellungswelt. Andere haben vielleicht den lieben Gott, ich hab so etwas wie den Nestroy.
Heute gelingt es manchmal Kabarettisten, nicht allen, aber einigen, in ihrer aktuellen Gesellschaftskritik etwas Nestroyanisches hervorzubringen. Ich sehe auch in Stücken von Elfriede Jelinek etwas Nestroyanisches, diese verbohrte Verzweiflung, dieses mit dem Drillbohrer des Schmerzes noch eine Sprachwindung Hineinpressen. Im Gefolge von Nestroy steht für mich auch Karl Valentin: Das ist doch wie bei Nestroy – eine traurige, dünne Windbeutelfigur macht so lustige Sachen.
Elfriede Ott, Schauspielerin, Leiterin der Nestroy-Spiele Maria Enzersdorf
Die blöden Nestroy-Maderln. Was einer Frau wie mir große Schwierigkeiten bei Nestroy bereitet: dass alles sehr männlich ist. Frauen haben nicht viel zu sagen. Sicher, es gibt wunderschöne Frauenrollen wie die Kathi im „Zerrissenen“, aber die sind selten. Am Anfang meiner Karriere war ich deshalb auch ein bisserl sauer, weil ich immer die blöden Nestroy-Maderln spielen musste.
Und dann hab ich Hans Weigel kennengelernt, der hat mir ein ganzes Konvolut von Büchern hingeschmissen auf meinen Arbeitsplatz und hat gesagt: So, und jetzt machst du einen Nestroy-Abend – und du stellst ihn dir selber zusammen. Das hab ich getan, hab auch einige dieser riesigen Männermonologe gesprochen, und damit war der Bann gebrochen. Heute ist mir Nestroy sehr nahe, sein Witz, seine Schärfe. Man glaubt ja nicht, wie aktuell der ist. Nestroy ist ein Menschenkritiker. Und die Menschen haben sich ja nicht geändert. Sie werden sich auch nicht ändern. Das macht es aus, dass die Leute, die im Publikum sitzen, lachen – weil sie sich selber betroffen fühlen müssen.
Um Nestroy inszenieren zu können, braucht man einen Batzen Humor, man muss seinen Witz nachempfinden können. Es sind ja sehr viele Leute witzlos. Heute gibt es niemanden, der witzige Stücke schreibt, das traut sich auch keiner: Das Lustige im Theater wird verachtet. Dabei ist das die Krone.
Franzobel, Schriftsteller, literarischer Aktionist, lebt in Wien
Einer, dem nichts heilig ist. Nestroy? Ich habe meinen zweiten Sohn nach seinem zweiten Vornamen benannt, Nepomuk, dem Brückenheiligen aus Pomuk. Denn so ein Pontifex maximus ist mir auch der ewige Meister des Wiener Volksstücks, einer, der Brücken schlägt zwischen dem teils poetischen, teils anarchistischen Humor des Volks und der hohen Literatur.
Nestroy (König des Nestes?) hat eine Meisterschaft im Wörtlichnehmen der Sprache erlangt, wodurch er zu einem oft unerhörten Hintersinn gelangt. Indem er die Sprache immer wieder und wieder wendet, kommt er zu neuen Wendungen, die dem häufig unbedacht Verwendeten einen völlig neuen, nicht selten ungehörigen Sinn entwenden. Doch dabei lässt der Meister des stillen Ungehorsams es noch nicht bewenden, paniert den Unterhaltungswert mit zynischer Sozialkritik, mit Einwänden gegen alles Festgemauerte.
Er ist einer, dem nichts heilig ist, der außer an die offensichtliche Beseitigung sozialer Missstände an nichts mehr glauben kann. Wie auch, wenn selbst die Sprache nicht mehr festzumachen ist, sich aus aller Festhaltung herauswindet? Alles Feierliche, jedes Pathos ist dem Nestroy lächerlich. Also wäre er bestimmt auch ganz entschieden gegen das Abfeiern seiner Person.
Nestroy ist nicht Biedermeier, sondern Anarchie. Einer für die Armen, für das Volk, keiner zum Umarmen. Das macht ihn groß. Deshalb ist er auch noch immer interessant – trotz aller Abfeierung.
Justus Neumann, Schauspieler, Theatererkunder, lebt in Tasmanien
Wortwitz, ernst zu nehmen. Ja, der Nestroy war schon wichtig, für uns alle, für mich. Eine Zeit lang. Eine Phase lang. Zur Beruhigung meines Hanges zur Outrage hat er mir sehr geholfen.
Er hat mich gelehrt, auf der Bühne ganz normal zu sprechen. Nicht zu deklamieren, nicht ins Hanswurstige abzugleiten, nicht absichtlich eitle Pointen zu setzen, nicht komisch sein zu wollen. Die Komik lag meist in der Situation, mit der sich seine Charaktere herumschlagen mussten. Hatte man diese erfasst, war das Wort, der Wortwitz eine ernst zu nehmende Sache.
Ich verdanke ihm viel, dem Nestroy.
Heute würde ich keinen Nestroy mehr spielen, aber einmal, so vor circa 20 Jahren und mehr, war er sehr wichtig für mich.
Achim Benning, Schauspieler, Regisseur, Theaterintendant aus Magdeburg, lebt in Wien
Nestroys Talmudik. Johann Nepomuk Nestroy – gestorben am 25. Mai 1862. Ein Gedenktag steht bevor. Hohe Zeit für das Statement-Kunstgewerbe: Die Experten und andere Ergriffene drängen ans Licht. Das Angenehme an dreistelligen Todesgedenktagen ist, dass die einstigen postumen Freunde und Weggefährten nicht mehr mitgedenken können, sodass den jeweiligen Verblichenen eine Umdrehung im Grab erspart bleibt.
Schön wäre es allerdings, wenn das vielstimmige Gedenken wenigstens den geehrten Toten in ihren Gräbern die Langeweile unterbräche, die Gottlieb Herb im „Schützling“ in seiner vorwurfsvollen Zwiesprache mit dem Tod vermutet: „Ja, Tod, du bist eine eigene Sache, du Tod, du! – Schauerlich durch Rätselhaftigkeit, und wärst vielleicht noch schauerlicher, wenn das Rätsel gelöst wär' – aber die Würmer können nicht reden, sonst verraten sie's vielleicht, wie grässlich langweilig den Toten das Totsein vorkommt.“ Die Würmer werden voraussichtlich auch am 25. Mai 2012 ihr Schweigen nicht brechen.
Freundlich gebeten, zum 150. Todestag von Nestroy irgendetwas Erhellendes zu sagen – und nicht zum 150. Geburtstag von Arthur Schnitzler, zehn Tage zuvor, was mich gleichermaßen in Verlegenheit gestürzt hätte –, möchte ich als Wiener mit starkem preußischem Immigrationshintergrund nur dankbar vermerken, dass ich von beiden Autoren wesentliche Integrationshilfe erfahren habe. Jedenfalls bin ich ein norddeutscher Nestroyaner geworden und sehr glücklich, dass ich das als Burgtheaterdirektor beweisen konnte und als Regisseur von meinem Nachfolger fast exklusiv mit der Pflege dieses österreichischen Weltautors betraut wurde, weil der den Gott sei Dank für nicht zeitgemäß hielt. Und ich bin noch immer glücklich, dass ich in meiner Zeit mit den wunderbarsten Nestroy-Schauspielern und Schauspielerinnen, den kundigsten Dramaturgen und so grandiosen Kennern und Könnern wie Wolfgang Teuschl zusammenarbeiten durfte.
Nach diesen persönlichen Randbemerkungen beende ich meine Wortmeldung. Das Erhellende werden die Berufenen sagen – oder haben es längst gesagt oder geschrieben.
Alfred Kerr nannte Valentin einen Nestroy und eröffnete das Nachdenken über dessen bayerische Talmudik. Die österreichische Talmudik Nestroys wäre auch der Rede wert. Vielleicht sagt ein Berufener etwas dazu. Das wäre mir willkommen in diesem Gedenkjahr.
Agnes Palmisano, Sängerin, Dudlerin, lebt in Wien
Ein ziemlicher Outrant. Meine früheste Nestroy-Begegnung? Wir haben in der ersten Klasse Gymnasium den „Lumpazivagabundus“ gelesen – und ich durfte der Leim sein. Später haben wir im Schultheater „Häuptling Abendwind“ gespielt. Dann war eine lange Pause. Vor zwei Jahren hab ich „Häuptling Abendwind“ wieder hervorgeholt, weil ich in einer Neufassung der Posse als Salonoperette gesungen habe – und ich war von der Sprache aufs Neue erschlagen, von diesem Biss und diesem Witz, genau dem, was mich schon als Kind fasziniert hat.
Dazu kommt diese Zeitlosigkeit: dass vieles noch immer gültig ist. Warum? Weil sich der Mensch nicht ändert, auch wenn sich die Zeiten ändern. Das ist bei den Wiener Liedern ähnlich, da sind viele sehr alt, und doch sind manche Texte so beißend aktuell, dass ich überhaupt nicht das Bedürfnis verspüre, neue Lieder zu schreiben oder schreiben zu lassen, weil ich sehe: Das trifft's ohnehin genau.
Dass man heute mit Nestroy nicht zuletzt einen Theaterpreis assoziiert, hat für mich etwas ziemlich Komisches: Den Wortmeldungen seiner Zeitgenossen nach dürfte Nestroy selber als Schauspieler ja ein ziemlicher Outrant gewesen sein. Da liest man ständig davon, wie grell er seine Rollen überzeichnet haben muss. Was einer sehr ernsthaften Würdigung sehr ernsthafter Schauspielkunst einen einigermaßen satirischen Anstrich gibt, der Nestroy selber sicherlich gefallen hätte.
Nestroys Erbe heißt für mich, die Einheit von Schauspiel und Gesang herzustellen. Seien es Schauspieler, die großartig singen oder Stimmen haben, die bewegen, seien es Sänger, die großartig spielen. In Wien würde mir sofort Peter Matic einfallen oder Nicholas Ofczarek und natürlich Robert Meyer. Auf der anderen Seite kniet ja ohnehin die ganze Welt vor Sängern, die gut spielen, einem Villazón, einer Netrebko, und auch die sehe ich in der Nachfolge des Sänger-Schauspielers Nestroy, obwohl man die aufs Erste am allerwenigsten mit Nestroy assoziieren würde.
Maria Happel, Schauspielerin, Regisseurin, geboren im Spessart, lebt in Wien
Immer noch eine Strophe für uns. Meine erste Begegnung mit Nestroy fand im kühlen Norden statt. In Bremen war ich als Anfängerin engagiert, und die damaligen Kollegen aus Österreich, Hans Falár, Alexander Grill, Hertha Martin und die Bayerin Traute Hoess führten „Frühere Verhältnisse“ auf. Das war ein Knaller und immer ausverkauft!
Meine erste eigene Nestroy-Rolle wäre fast der Christopherl in „Einen Jux will er sich machen“ geworden: Den sollte eigentlich Regina Fritsch spielen – die wurde schwanger, und ich bin quasi nachgerückt; aber nach vier Wochen musste ich der Direktion mitteilen, dass auch ich ein Kind erwarte. In „Zu ebener Erde und erster Stock“ haben wir dann später beide gespielt.
Dass ich auch Nestroy inszenieren könnte, das war schließlich eine Idee der Intendanz in Reichenau! Die hat mich für die Reichenauer Festspiele mit der Inszenierung des „Zerrissenen“ beauftragt. Nestroy zu inszenieren ist immer eine Herausforderung, denn jeder in Österreich weiß, wie das geht.
Nestroy heute? Gesellschaftspolitisch hat sich nach 150 Jahren gar nicht so viel geändert. Korruption, die Gegensätze von Reich und Arm, Schein und Sein! Mit besonderem Vergnügen nehme ich die Erbschaft „Couplets“ an! Das ist so, als hätte Nestroy immer noch eine Strophe für uns übrig gelassen!
Roland Neuwirth, Sänger, Komponist, Gründer der „Extremschrammeln“
Wenn alles gleich viel gilt. Was zu wenig beachtet wird: Nestroy hatte eine klassische Stimmausbildung. Er wollte ursprünglich Opernsänger werden, strebte das ernste Fach an (wie schon Raimund ein verhinderter Tragöde war). Nestroys Ausweg, die volkstümliche Bühne, ließ sich daher einen gewissen Anspruch nicht nehmen. Sie beschäftigte immerhin ein ganzes Orchester.
Gerade diese umfassende Musikalität schlägt sich in seinem Sprachschatz, der tiefgründigen Virtuosität des Wortwitzes und der Wortmelodie nieder. Nestroy hat das Wiener Idiom zur Kunstsprache erweitert. Dazu mag die strenge Zensurbehörde des Vormärz ihm nicht nur lästig, sondern auch inspirierender Reibebaum gewesen sein.
Wir dagegen leben in einer Massendemokratie. Alles ist erlaubt. Unser Moralbewusstsein fordert freie Meinungsäußerung und Gleichwertigkeit als humanitäres Prinzip. Doch der gut gemeinte Frei- und Gleichheitsgedanke hat zwangsweise zur Beliebigkeit und dadurch zur Unmoral der „Gleichgültigkeit“ geführt. Wenn alles gleich viel gilt, ist ein Nestroy gleichgültig. „Gleichgültigkeit“ zieht jeglicher Kritik von vornherein die Zähne. Künstlerischer Anspruch und Anspruchslosigkeit werden auf die gleiche Stufe gestellt.
In dieser „Diktatur der repressiven Toleranz“ würden wir einen Nestroy dringend brauchen. Aber wir haben unsere Sprache verloren. Weil sie uns gleichgültig ist. Seine Stücke würden verpuffen. Er würde Sänger werden. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2012)