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Ausgetauscht: Ein Jahr Freiheit, Tränen, Übermut

Ausgetauscht Jahr Freiheit Traenen
Erasmus(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Seit 20 Jahren haben österreichische Studenten durch Erasmus die Möglichkeit, einen Teil ihres Studiums im Ausland zu absolvieren. Insgesamt 2,5 Millionen Europäer haben die Chance bereits genutzt.

Es ist ein Abschied wie im Film. Eine Umarmung folgt der nächsten, die Tränen laufen über die Backen und der über allem stehende Gedanke: War es die richtige Entscheidung, alles für ein halbes Jahr zurückzulassen?

Der Weg ins Ausland ist kein einfacher. Und dennoch bestreiten ihn immer mehr Studenten. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistet das Studienmobilitätsprogramm Erasmus, das heuer sein 25-jähriges Bestehen feiert. Seither haben mehr als 2,5 Millionen Studierende einen derartigen geförderten Auslandsaufenthalt absolviert. Österreich nimmt an Erasmus seit dem Jahr 1992 teil. Mittlerweile verbringt ein Drittel aller heimischen Studenten zumindest ein halbes Jahr während der Studienzeit im Ausland. Die Erzählungen der meisten sprechen für sich: Diese Zeit möchte kaum jemand missen.

Auch wenn den einen oder anderen zu Beginn Skepsis plagt. Biochemie-Studentin Jutta Vlasits etwa konnte sich nach ihrer Ankunft in Irland das Heulen nicht verkneifen. „Ich habe meine Familie und meinen Freund furchtbar vermisst.“ Lange gedauert hat das aber nicht. Schon am nächsten Tag war der ganze Kummer vergessen. Einmal im Gastland angekommen, gibt es auch wichtigere Dinge, über die sich die Studierenden den Kopf zerbrechen.

Da müssen die richtigen Uni-Kurse belegt und die Bleibe für die kommenden Monate gefunden werden. Letzteres ist in der Heimat schon oft ein nervenaufreibendes Projekt, im Ausland ist es dann, ob der sprachlichen und kulturellen Schwierigkeiten, eine besondere Herausforderung. Der Start des neuen Semesters weckt Erinnerungen an den eigenen Studienbeginn. Hörsäle, Bibliotheken und Mensa müssen zuerst einmal gefunden werden. Den fremdsprachigen Vorlesungen zu folgen, ist anfangs durchaus anstrengend.

Auch die ehemalige Publizistik-Studentin Julia Hagmair (29) hatte ihre Probleme. Als sie im Wintersemester 2010/11 in der Türkei ankam, verstand sie kaum ein Wort Türkisch. „Mehr als hallo, bitte und danke konnte ich nicht sagen. Ich habe dann gleich einen Türkischkurs gemacht.“ Genau diese Herausforderungen machen auch die Faszination dieses Schrittes aus. Es ist quasi ein Neustart. Ein Stück Freiheit. Erstmals tatsächlich fernab von zu Hause zu leben heißt auch, weit weg von etwaigen familiären Verpflichtungen zu sein. Den Nebenjob für ein Semester ruhen zu lassen und die eigene Karriereplanung nicht als ständigen gedanklichen Begleiter mit sich herumzutragen.

Es sind die Lockerheit, die Lebenslust und der Drang, Unbekanntes zu entdecken, von denen sich die meisten der Austauschstudenten leiten lassen. Wenn auch die Hoffnung, die Karrierechancen zu verbessern, einer der wichtigsten Gründe dafür ist, warum sich Studenten ins Ausland begeben. Dennoch: Für den Großteil der Erasmus-Studenten sind es eher nicht die Noten, die zählen. Es sind die unzähligen Erfahrungen und Erlebnisse, die das Auslandssemester so einzigartig machen: spontane Road-Trips am Wochenende, unzählige Museums- und Konzertbesuche mit den neuen Freunden, gemeinsame Kochabende oder der erste Surfkurs – je nachdem, in welchem Land und in welcher Jahreszeit man sich gerade befindet.


Europäische Integration. Erasmus ist aber auch ein Sinnbild für die Veränderungen in Europa. Bereits zwei Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer startete der Austausch zwischen den europäischen Ländern. Es war quasi ein Vorbote der europäischen Integration. Die Grenzen verloren an Bedeutung, die Distanzen schienen (gedanklich) geringer zu werden – zumindest für jene, denen die Chance geboten wurde, am Austauschprogramm teilzunehmen. Nie zuvor war es so einfach, sich mit einem anderen Land zu identifizieren. Da wurde der Österreicher im Herzen zum Spanier, der Deutsche plötzlich zum Franzosen und der Grieche zum Finnen. 33 Länder sind mittlerweile Teil des Programms. Zu den 27 EU-Mitgliedern kommen Kroatien, Island, Liechtenstein, Norwegen, die Türkei und die Schweiz.

Auch im Gastland selbst bestimmt das internationale Flair den Alltag. Einen gewöhnlichen Studientag an der Universität verbrachte Julia Hagmair etwa mit Franzosen, Dänen, Schweden, Holländern und Polen – wer auch immer den Weg zu der bunt gemischten Gruppe fand. Diese Internationalisierung wird sich in Zukunft voraussichtlich noch verstärken. Denn waren es 1992 lediglich 3233 Personen, die mit Erasmus ins Ausland gegangen sind, hat sich die Zahl mittlerweile auf 250.000 erhöht. Allein 5300 österreichische Studenten haben das Studienjahr 2010/11 im Ausland verbracht. Gemessen an der gesamten Studierendenzahl sind die heimischen Studenten damit besonders reisefreudig. Österreich liegt auf Platz vier der Länder, in denen Studierende Auslandserfahrungen machen. Besonders mutig scheinen dabei die Frauen zu sein. Laut einer aktuellen Studie des Österreichischen Austauschdienstes (ÖAD) sind rund zwei Drittel aller Erasmus-Studierenden weiblich.

Freilich sind manche der 33 Länder beliebter als andere. Den Großteil der Erasmus-Studenten zieht es nach Spanien, Frankreich und Großbritannien. Was wohl auch mit der Beliebtheit der Sprachen zu tun hat. Böse Zungen behaupten gar, dass die Wahl eines englischsprachigen Landes die am wenigsten mutigste ist. Immerhin ist das Englisch-Level der heimischen Studenten auf einem durchaus guten Niveau. Die Verständigungsschwierigkeiten halten sich zumeist in Grenzen.

Nicht so bei Julia Hagmair. Nach fünf Monaten in Istanbul reichten ihre Türkischkenntnisse, um einzukaufen, dem Taxifahrer den Weg zu beschreiben und zum Smalltalk mit dem türkischen Mitbewohner. Für die Uni aber (noch) nicht. Denn obwohl die belegten Kurse an der Istanbuler Bilgi-Universität in englischer Sprache abgehalten werden sollten, war das nur teilweise der Fall. Trotz Rücksprache mit den Professoren änderte sich vorerst wenig. Der Protest der Austauschstudenten wurde immer größer, bis diese schließlich vom Rektor der Uni empfangen wurden. Er erläuterte das Problem: Die wirtschaftliche Konkurrenz veranlasse die Privat-Uni, leistungsschwächere türkische Studierende aufzunehmen. Da deren Englischkenntnisse teils zu wünschen übrig ließen, seien die Professoren gezwungen, die Vorlesungen auf Türkisch abzuhalten. Das Gespräch zeigte trotzdem Wirkung. Immerhin eineinhalb der drei Vorlesungsstunden wurden fortan auf Englisch vorgetragen.

Viele Erasmus-Studenten berichten wieder davon, dass sie die Landessprache kaum gelernt hätten. Meistens selbst verschuldet. Treffen Menschen aus den verschiedensten Ländern zusammen, wird Englisch schnell zur Alltagssprache. Und wer immer nur mit seinen Landsleuten zusammen ist, wird sprachlich vom Aufenthalt ohnehin nicht profitieren.

Biochemie-Studentin Jutta Vlasits versuchte das von Beginn an zu vermeiden: „Sobald jemand im Raum Deutsch gesprochen hat, habe ich mich still verhalten.“ Dafür suchte sie den Kontakt zu Iren: „Wir sind ja praktisch jeden Abend fortgegangen. Und die Iren sind ein sehr offenes Volk, da kann man auch allein in eine Bar gehen, und die fangen mit dir zu quatschen an.“Dass sich sowohl Jutta als auch Julia in ihrem Gastland wohlgefühlt haben, war kein Zufall. Julia etwa hatte eine Bekannte aus der Türkei, die ihr viel über die Bilgi-Universität und die kulturellen Gepflogenheiten erzählte – so konnte sie besser abschätzen, was sie erwartet. Denn allein der Wille, ein anderes Land kennenzulernen, ist kein Garant für einen guten Aufenthalt. Nicht jedem fällt es leicht, sich auf andere Kulturen, anderes Essen und eine andere Körpersprache einzulassen. Immerhin rund 15 Prozent der heimischen Erasmus-Kandidaten waren mit ihrem Aufenthalt nur wenig zufrieden.

Probleme mit dem Anrechnen. Häufig für Unmut sorgen Probleme bei der Anrechnung von im Ausland absolvierten Kursen. Wird vor dem Auslandsaufenthalt ein „Learning Agreement“ unterzeichnet, sollten die Kurse an der Gastuniversität von der Heimathochschule anerkannt werden. Das ist aber nicht immer der Fall. Bei rund einem Viertel der Studierenden kommt es zu Problemen. Der Auslandsaufenthalt ist für sie zumindest ein zeitlicher Dämpfer im Studium. Durch den Bologna-Prozess wurden die Anrechnungshürden noch größer. Die zunehmende Spezialisierung der einzelnen Studienprogramme macht es stets schwieriger, entsprechende Ersatzkurse im Ausland zu finden. Das sorgt für Frustration.

Die persönlichen Vorteile eines Auslandsaufenthalts wiegen diese Probleme zumeist aber ohnehin locker auf.Wer eine Zeit lang im Ausland gelebt hat, der entdeckt oft ganz andere Seiten an sich – Selbstsicherheit, Selbstvertrauen und eine noch nie da gewesene Ruhe, weil jeder weiß: Irgendwie hat sich alles im Leben noch immer gerichtet.

Kein Wunder also, dass bei vielen Wehmut aufkommt, sobald der Tag näher rückt, an dem die Heimreise angetreten wird. Den Strand, das Café, die neue Uni – so viele Lieblingsorte, die man jetzt zurücklassen muss. So viele Freunde, die sich wieder quer über den Kontinent verteilen.

Jutta Vlasits hat auch bei ihrer Abreise Tränen vergossen: ein Abschied wie im Film. Eine Umarmung folgt der nächsten, die Tränen laufen über die Backen und der einzige Gedanke: Ist es die richtige Entscheidung, jetzt wieder zurückzukehren? Ja. Weil sie wiederkommen kann. Rückblickend war der Auslandaufenthalt ein großer Gewinn. „Ich weiß jetzt, dass ich mich überall auf der Welt zurechtfinde.“

Teilnehmer

2,5

Millionen Studenten haben seit dem Start des Programms im Jahr 1987 an Erasmus teilgenommen.

250

Tausend Personen nehmen pro Jahr an Erasmus teil.

5300

heimische Studenten
haben im Studienjahr 2010/11 ein Auslandssemester im Rahmen von Erasmus absolviert.

33

Länder nehmen mittlerweile am Erasmus-Programm teil. Beim Start 1987 waren es elf Länder.

4000

Hochschulenbeteiligen sich am europäischen Studentenaustausch.

739

Österreicherverbrachten das vergangene Semester in Spanien. Damit ist Spanien das beliebteste Gastland gefolgt von Frankreich und Großbritannien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2012)