Theater: Doktor Schnitzlers Dunkelkammer

Theater Doktor Schnitzlers Dunkelkammer
Theater Doktor Schnitzlers Dunkelkammer(c) Dapd (Hans Punz)
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Am 15. Mai 1862 wurde in Wien Arthur Schnitzler geboren. Der Meister des Hintergründigen zählt hierzulande wieder zu den meistgespielten Dramatikern. Was macht den Reiz von Stücken wie "Das weite Land" aus?

Das Urteil war äußerst streng. Als „vollkommen undruckbar“ bezeichnete der Arzt und Autor Arthur Schnitzler am 26. Februar 1897 eine Szenenfolge, die er in den Wochen zuvor verfasst hatte, die viel später als Skandal zu seinem berühmtesten Stück werden sollte. Der „Reigen“ zeigt zehn Begegnungen, die ein Ziel haben: Sex. Man sieht nur Vor- und Nachspiel. Von einer zur anderen wird gewechselt, ausgehend vom Soldaten und der Dirne, bis sich der Kreis mit der Dirne und dem Grafen schließt – ein schonungsloser, vielschichtiger Striptease des Liebeshandels im Fin de Siècle. Schnitzler schätzte den „Reigen“ zwar literarisch für gering ein, aber der Nachsatz in seinem Brief an eine Geliebte enthüllt gehöriges Selbstbewusstsein. Das Stück würde „nach ein paar Hundert Jahren ausgegraben, einen Theil unserer Cultur eigentümlich beleuchten...“

Es ist die k. u. k. Hochkultur mit ihren Ringstraßen-Fassaden, krönender Abschluss jener Epoche, die Peter Gay in einem Buchtitel „Schnitzler's Century“ nennt. Der Dichter aber wirkt weit über sein Jahrhundert hinaus. Am 15. Mai 1862 wurde er in Wien geboren, als Sohn eines Arztes, vor 80 Jahren ist er in Wien gestorben. Wie viel Leuchtkraft haben die gut zwei Dutzend Dramen noch, die vor 100 Jahren zu den meistgespielten auf deutschsprachigen Bühnen gehörten?

Einige strahlen weiterhin hell. Der mit Schnitzler befreundete Autor Egon Friedell schreibt in der „Kulturgeschichte der Neuzeit“ über dessen Figuren: „Seine Wesen bestehen nicht mehr aus einer oder zwei Seelen, sondern aus einem ganzen Gesellschaftsstaat von Seelen, die sich in unablässiger Verschiebung und Gegeneinanderbewegung befinden und dennoch stets ein gesetzmäßiges und symmetrisches Gebilde hervorbringen“, in der „geheimnisvollen Dunkelkammer“ des menschlichen Unbewussten.

Die Faszination an Schnitzlers Dramatisierung der Psychoanalyse, noch ehe diese berühmt war, ist noch zu spüren, wenn man Meisterdramen wie „Das weite Land“ (1911) oder „Professor Bernhardi“ (1912) betrachtet. Seit seiner Renaissancen in den Sechzigern gibt es keine Saison ohne Schnitzler in Wien und weiterer Umgebung, sogar die Prosa wird neuerdings dramatisiert. Aber das auffälligste Stück in der Aufführungsgeschichte war wiederum der „Reigen“. Es dauerte nicht hundert Jahre, sondern ein knappes Vierteljahrhundert, bis es in den Kammerspielen 1921 zur Wiener Erstaufführung kam.


Bigotte tobten. Schockierend! Konservative und Deutschnationale nannten dieses radikale Werk der Moderne Pornografie und „jüdisch inspirierte Dekadenzliteratur“, die eine Gefahr für das Volksempfinden sei. Schnitzler wurde wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses ein Prozess gemacht, daraufhin zog er seine Genehmigung zur Aufführung zurück. (Erst 1982, nach dem Tod seines Sohnes, wurde das Verbot aufgehoben.) Schnitzler fühlte sich mehr und mehr isoliert. Seit Jahren schon litt er an schweren Depressionen, wie sich aus seinen umfangreichen Tagebüchern (1879–1931) herauslesen lässt.

Der „Reigen“ mit seinen treffsicheren Dialogen ist durch und durch modern geblieben, als Diagnose des Zeitalters der Nervosität, in dem die Menschen mit ungeheuren Umwälzungen umzugehen lernen mussten. Die „schärfste und souveränste Abrechnung mit dem Liebesgeschäft“ nennt die Germanistin Konstanze Fliedl dieses Stück. Tatsächlich bedeutet es eine Vollendung der filigranen Einakter des Frühwerks, mit dem Abenteurer „Anatol“, mit ambivalent „süßen Mädeln“ und ihren bürgerlichen Liebhabern der Doppelmoral. Spätestens seit „Liebelei“ gibt es eine differenzierte Charakterzeichnung, die vor allem auch das Leid der Frauen trifft: „Und ich? Was bin denn ich?“, fragt die arme Christine, als sie erfährt, dass ihr Geliebter im Duell wegen einer anderen starb.

Das sind nur Vorspiele für die großen Gesellschaftsdramen, mit denen Schnitzler in mittleren Jahren reüssierte und weiter aktuell ist wie vor 100 Jahren. Über die an Anton Tschechows Perfektion erinnernde Sprache, in der viel Ungesagtes mitschwingt, schreibt Alfred Polgar: „Es muss auffallen, wie oft in Schnitzlers Schauspielen das Präsens vom Perfektum erschlagen wird. Immer spielt ein gewesenes Drama die größte Rolle im gegenwärtigen.“


Herzensschlampereien. Wie gut diese Tragikomödien sind, haben kluge Zeitgenossen wie Georg Brandes und Otto Brahm erkannt, gegen angeblichen Schmutz haben sich nur klerikale und völkische Beobachter ereifert, die wohl vor allem deshalb über Schnitzler tobten, weil er ihre Schwächen so genau traf. Und er traf fast alle, auch die Lässigen. Wenn der ewige Stenz Friedrich Hofreiter in „Das weite Land“ seiner Gattin ausgerechnet die Treue vorwirft, um dann aus einer Laune heraus ihren Geliebten im Duell zu töten, so sagt das alles über „Herzensschlampereien“. Und wer wird jemals die Ironie von Hofrat Winkler im „Professor Bernhardi“ vergessen, der in diesem bösen, nicht nur den Antisemitismus aufspießenden Stück über Macht und Intrigen eine anarchische Bilanz zum Werteverfall zieht: „Wenn man immerfort das Richtige täte...so säße man sicher noch vorm Nachtmahl im Kriminal.“ Dieser Satz trifft auch heute noch. Schnitzler sagt die Wahrheit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2012)

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