Das Philosophische Quartett hat heute Nacht seine letzte Vorstellung. Zehn Jahre lang haben Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski öffentlich gedacht. Was folgt jetzt nach?
Für ältere Moderatoren ist es eine schlechte Frühjahrssaison im deutschen Fernsehen, egal, ob privat oder öffentlich. Erst wird Harald Schmidt vom Spätabendprogramm wegrationalisiert, dann verschwindet Thomas Gottschalk beinahe live im Vorabendprogramm. Und jetzt hat es beim ZDF gar die Nachtschiene des Denkens erwischt. Rüdiger Safranski und Peter Sloterdijk werden in der Nacht zum Montag (ab 00:10 Uhr) das letzte „Philosophische Quartett“ bestreiten. Sie nehmen es beinahe stoisch hin, dass der neue Intendant Thomas Bellut ihre Sendung mit kränkend kurzer Vorwarnzeit abdreht. In der finalen 63. Folge der Herren (die ihre erste Sendung im Jänner 2002 absolvierten) geht es um „Die Kunst des Aufhörens“. Die Gäste: Autor Martin Walser und Verleger Michael Krüger.
In der „Zeit“ blicken die Moderatoren mit einer gewissen Wehmut darauf zurück, dass sie so lange „nachdenken im Sinne von hinterherdenken“ durften, wie Safranski meint. Er selbst besitzt seit fünf Jahren kein TV-Gerät mehr: „Es reicht mir, wenn ich bisweilen im Fernsehen bin, ich brauch nicht auch noch davorzusitzen.“ Die Form der Absetzung empfinden beide allerdings als stillos.
Schade um dieses Hochamt der Entschleunigung, das die Kunst des aufmerksamen Zuhörens zelebrierte. Für rund eine halbe Million „Schlaflose und andere Bettflüchter“ (Sloterdijk) war es eine der angenehmsten Arten, vom scharfsinnigen Safranski fragend wachgerüttelt und von dessen tiefschürfenden Kollegen durch ausführliche Denkfiguren wieder in den Zustand der Ruhe versetzt zu werden. Die Hochzeit des Quartetts schloss an jene Phase zu Beginn des neuen Jahrtausends an, als in philosophischen Cafés in Paris, Berlin oder sogar in Wien kollektiv und weit und Sinn suchend gedacht wurde. Warum muss das jetzt aufhören?
Popularisator. So viel Gelassenheit wie im Quartett ist von Richard David Precht nicht zu erwarten. Der Journalist und Bestsellerautor soll fürs ZDF demnächst ein Magazin moderieren, in dem es um die Denke geht. Das wird gewiss meinungsstark, denn er ist, wie Sloterdijk süffisant anmerkt, „Popularisator von Beruf“. Seine Klientel gleiche „eher der von André Rieu, den hören auch vor allem Damen über fünfzig in spätidealistischer Stimmung“. Das klingt doch auch ganz schön pointiert. Rieu, pardon Precht, sollte die alten Herren vielleicht einmal zu sich einladen – als kynische Stimmungsmacher.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2012)