Ster- und Grissemann machen endlich Schluss mit dem Theater

Ster Grissemann machen endlich
Ster Grissemann machen endlich(c) APA/LUPI SPUMA (LUPI SPUMA)
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Fritz Ostermayer spannt die TV-Blödler mit Spitzenkräften des Schauspielhauses Graz hinterlistig zusammen: "Aus-Schluss-Basta" erheitert.

Wenn ein kurzweiliger, „finaler Theaterabend“ von 90 Minuten aus einer Serie von Enden berühmter Stücke besteht, die durch launige Moderation und Songs unterbrochen wird, wenn also ein Theater-Tusch den anderen jagt, dann muss sich der Regisseur recht genau überlegen, welchen wirklichen Schlusspunkt er setzt. Radiolegende Fritz Ostermayer war bei seiner Inszenierung von „Aus-Schluss-Basta oder Wir sind total am Ende“ ziemlich schlau, um nicht zu sagen gerissen bis zur Weisheit.

Die fast so alten Radiolegenden, fast noch jungen TV-Komödianten Dirk Stermann und Christoph Grissemann sind bei der Uraufführung am Grazer Schauspielhaus nach achtzig Minuten bereits fertig. Die Requisiten, die bei einer Melange von Shakespeare und Schwab, Bernhard und Beckett, Bernstein und von Trier eben anfallen, sind weggeräumt, alles wirkt erschöpft, geradezu fertig, da wird es dunkel. Nun taucht ein schwarzes Klavier samt „Soap & Skin“ auf. Anja Plaschg singt und spielt „The End“ von den Doors!

Manuelas bitteres Ende am Handy

Oh Anja Plaschg! Ihre totale Hingabe an das Nichts nach so viel Sein rührt das von den Klassiker-Resten beschwerte Herz! Nicht nur der sentimentale Moderator Ostermayer, der zuvor schon bei der auf dem Handy vorgespielten Autofahrer-unterwegs-Schnulze „Manuela“ plärrte wie ein Schmierenmime, hat wahrscheinlich geweint.

So geht man erleichtert heim nach diesem Abend und sagt sich: Schön war's in Graz, schön durchwachsen, denn ein Menü mit Ster- und Grissemann, fünf tollen Darstellern des Hauses und dem lässigen Oliver Welter von Naked Lunch muss man erst einmal verkraften. Diese Mischung ist – interessant. Zum Beispiel Grissemann, an Seilen schwebend, aufgeblasen, er mimt einen zweitklassigen Sänger. Um es geradeheraus zu sagen: Er ist es nicht. Und Stermann will der Tragödie gewachsen sein, weil er eine schön-schmiegsame Stimme hat. Er ist es nicht. Die beiden sind ein Bocksgesang, von Satyr Ostermayer begeistert in Szene gesetzt. Der gesteht auch eigene Sammelleidenschaften ein: Bühnentote und Todesschnulzen. Weil sich aber durch diesen komödiantischen Wien-Import ein spannender Kontrast zu Grazer Bühnenprofis ergibt, darf man sagen: Großartig! Ein toller Abend, fast so schön wie Weihnachten mit FM4 und „Tornerò“. Selten kann man zusehen, wie ein Regisseur lustvoll die Fäden spinnt für diese „Fluchtachterl der dramatischen Kunst“.

Ein Entertainer mit Gummiorgel

Die Schau beginnt abgeklärt mit der finalen Schlacht aus „Richard III.“ als Schattenspiel. Heavy Metal mit Luftgitarren. Eben hat der böse König noch „Ein Pferd!“ verlangt, schon liegt er tot am Boden, und Grissemann darf im Offenen den neuen Usurpator Henry VII. spielen, assistiert von Stermann als Krieger. Nach dem Vorspiel geht es mit der „Macht der Gewohnheit“ zur Sache. Von vier Ukulele-Spielern wird das Forellenquintett vorbereitet. Stefan Suske als überragender Theaterpatriarch, Verena Lercher, Florian Köhler und Grissemann als seine Schubert-Sklaven stimmen die Saiten. Schließlich malträtiert Stermann als missratener Neffe betrunken eine Gummiorgel. So bizarr gehört Thomas Bernhard gespielt, damit man das Ende richtig spürt.

Steffi Krautz zeigt komödiantische Brillanz bei Werner Schwabs „Volksvernichtung“, zum Brüllen und wirklich unappetitlich gerät F. W. Bernsteins „Herr Lediglich und die Scheißkerle“ mit einer kurz enthemmten Evi Kehrstephan. Entzückend: Ein Puppenspiel nach Lars von Triers „Melancholia“ als Videosequenz. Beinahe am Schluss dürfen dann Grissemann und Stermann das echte Ende vom „Endspiel“ spielen. Rührend. Ein Video zeigt hinten, wie ein Mann auf dem Eis sich mit dem Pickel den Weg ins Wasser frei schlägt. Er plagt sich, beinahe so sehr wie das Duo aus Wien. Jetzt ist man tatsächlich reif für Soap & Skin.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2012)

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