Brunnenmarkt: Ein Marktstand, der kein Geld akzeptiert

Eine Umarmung fuer einen
Eine Umarmung fuer einen(c) Clemens Fabry
  • Drucken

Eine Tauschhandelaktion will zum Nachdenken anregen. Der Stand ist nicht auf Kommerz ausgerichtet, sondern Teil einer Kunstaktion im Rahmen des Wiener Stadtteilfestivals „Soho in Ottakring“.

Wien. Ein Apfel, eine Birne und eine Karotte. Das hat Susanne Liebentritt soeben an einem Obst- und Gemüsestand am Yppenplatz in Ottakring erworben, ohne dafür einen Cent zu bezahlen. Die Marktstandler Ingo Beck und Franz Suess bedanken sich dennoch höflich bei ihrer Kundin und bitten sie, bald wiederzukommen. Es sei nett, mit ihr Geschäfte zu machen.

Aber welches Geschäft? Es floss doch gar kein Geld und die Frau hat auch keine Gegenleistung erbracht, außer mit den beiden Männern ein kurzes, improvisiertes Rückentraining abzuhalten. „Das war die Gegenleistung“, erklärt Suess. „Wir sind einen Tauschhandel eingegangen. Sie hat uns eine entspannende Übung für den Rücken beigebracht und durfte den Gegenwert dafür selbst bestimmen – eben einen Apfel, eine Birne und eine Karotte.”

Gedicht, Kuss oder Lied

Bahnt sich da etwa ein neues Geschäftsmodell an? Oder treibt die viel zitierte Basar-Mentalität neuerdings bizarre Blüten? Weder noch. Denn Suess und Beck sind keine Marktverkäufer, sondern bildender Künstler bzw. Sänger und Schauspieler. Und ihr Stand ist nicht auf Kommerz ausgerichtet, sondern Teil einer Kunstaktion im Rahmen des Wiener Stadtteilfestivals „Soho in Ottakring“, das am Samstag unter dem Motto „Unsicheres Terrain“ begann und bis 26. Mai dauert.

Das Prinzip ist einfach: Die beiden bieten biologische Lebensmittel wie Obst, Gemüse, Brot und Säfte zum Tausch an – zur Verfügung gestellt vom Wiener Biogroßhändler Franz Firlinger. Eingetauscht werden kann gegen alles außer Geld: selbst gestrickte Socken, leere Batterien, ein eigenes Gedicht, eine Umarmung, ein Ratschlag, eine Zeichnung – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

„Wir wollen mit dieser Aktion die Menschen zum Nachdenken anregen”, erzählt Suess. „Und Fragen stellen wie: Was bedeutet Reichtum? Was ist Eigentum wert? Was kann ich mir leisten bzw. habe ich zu bieten?“ Und die Idee kommt an. „Es ist nicht zu glauben, wie erfolgreich der Tauschhandel an unserem Stand läuft”, schwärmt Beck: „Leute tauschen alte Bücher ein, Sommerkleider, die sich nicht mehr tragen, Kaffeekannen. Kinder bieten selbst gemalte Bilder an oder wollen uns für einen Apfel umarmen.“ Er sei sprachlos angesichts der regen Beteiligung der Menschen. „Wenngleich die meisten anfangs etwas verschämt und zurückhaltend reagieren. Etwas zu nehmen, ohne dafür zu bezahlen, sind sie einfach nicht gewöhnt.”

„Ich habe mir überlegt, was ich geben kann, welche Ressourcen ich außer Geld habe”, erklärt Liebentritt ihren Entschluss, ein Rückentraining anzubieten. „Und da ich an der Volkshochschule Trainingskurse anbiete, dachte ich, tausche ich doch dieses Talent von mir ein.“ Die Aktion finde sie jedenfalls großartig, da man sich Gedanken darüber mache, welchen Wert Produkte wie Lebensmittel hätten und welche Rolle dabei das Individuum spiele.

Gedanken, die sich auch Natalia Piecek gemacht hat, ehe sie auf polnisch ein Lied singt. „Die Herren meinten, ich könne als Gegenleistung für ein paar Radieschen und Kohl alles anbieten – einen Kuss, eine Umarmung”, sagt die gebürtige Polin und scherzt: „Ich habe mich dann für ein Lied aus meiner Heimat entschieden, um keinen Ärger mit meinem Mann zu bekommen. Ich mag den Stand hier, gut möglich, dass ich wiederkomme.”

Güter werden ausgestellt

Wiederkommen will auch Renate Maurer, die heute keinen Tauschhandel eingeht. „Ich habe mir keine Gedanken gemacht und spontan fällt mir nichts ein, was ich geben kann”, so die Ottakringerin: „Aber ich werde sicher noch einmal mit meinen Kindern herkommen, um ihnen anhand dieses Beispiels etwas über Werte beizubringen und ihnen zu erklären, dass nicht alles mit Geld funktioniert.”

Die eingetauschten Güter werden im Übrigen – sofern möglich – ab Mitte der Woche in der Auslage der Druckerei Remaprint in der Neulerchenfelder Straße 35 und in der Fleischerei Sterkl in der Brunnengasse62 ausgestellt. Der Marktstand wird noch am Freitag und Samstag, jeweils zwischen 10 und 18 Uhr, aufgestellt.

Auf einen Blick

Stadtteilfestival. „Unsicheres Terrain“ lautet das Motto des Kunstfestivals „Soho in Ottakring“, das am Samstag begann. Bis 26. Mai gibt es Aktionen von mehr als 100 Künstlern, nicht nur in Ottakring. So wird etwa das Etablissement Gschwandner in Hernals und das Admiral-Kino in Neubau bespielt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2012)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.